September 5, 2026
BASF-Aktie nach dem Coatings-Verkauf: 5,8 Milliarden Euro Cash, Aktienrückkäufe und die große Wette auf China
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BASF-Aktie nach dem Coatings-Verkauf: 5,8 Milliarden Euro Cash, Aktienrückkäufe und die große Wette auf China

Datenstand: 1. September 2026. Wer BASF nur über das zweite Quartal betrachtet, sieht gerade einen Chemiekonzern mit deutlich besseren Gewinnen. Das haben wir auf The Kapital bereits ausführlich analysiert. Der spannendere Teil der Geschichte liegt inzwischen an einer anderen Stelle: in der Bilanz.

BASF hat am 30. Juni 2026 den Verkauf großer Teile des Coatings-Geschäfts an Carlyle abgeschlossen. Der Unternehmenswert der Transaktion lag bei 7,7 Milliarden Euro. BASF erhielt rund 5,8 Milliarden Euro Cash vor Steuern und behielt gleichzeitig eine Beteiligung von 40 Prozent am neuen Unternehmen Surventis. Wenige Wochen später kündigte der Konzern ein weiteres Aktienrückkaufprogramm über bis zu eine Milliarde Euro an. Die Nettoverschuldung lag Ende Juni bei 17,1 Milliarden Euro und damit 19,6 Prozent unter dem Vorjahreswert. Die Dividende soll mindestens 2,25 Euro je Aktie betragen.

Parallel läuft in Südchina eines der größten Industrieprojekte, die ein europäischer Konzern in diesem Jahrzehnt gewagt hat: der neue Verbundstandort Zhanjiang, Investitionsvolumen rund 8,7 Milliarden Euro. BASF verkauft also auf der einen Seite einen hochwertigen Geschäftsbereich, gibt Kapital an Aktionäre zurück und reduziert Schulden – während es auf der anderen Seite Milliarden in den größten Chemiewachstumsmarkt der Welt bindet.

Das ist keine gewöhnliche Quartalsgeschichte. Es ist eine Frage der Kapitalallokation.

Und genau daran entscheidet sich, ob die BASF-Aktie bei rund 52,75 Euro tatsächlich günstig ist oder nur deshalb günstig aussieht, weil ein alter Industriekonzern gerade sehr viel Geld zwischen Portfolioteilen verschiebt.

Der Coatings-Verkauf war finanziell stärker, als der Markt oft behandelt

Der Verkauf des Autolack-, Reparaturlack- und Oberflächentechnikgeschäfts an Carlyle war kein Notverkauf. BASF nennt für die Transaktion einen Unternehmenswert von 7,7 Milliarden Euro. Zusammen mit dem zuvor veräußerten Geschäft mit Bautenanstrichmitteln wurde der gesamte frühere Coatings-Bereich mit 8,7 Milliarden Euro bewertet.

Besonders interessant ist das implizite Bewertungsmultiple: rund das 13-Fache des EBITDA vor Sondereinflüssen von 2024.

Das ist für BASF deshalb wichtig, weil der Gesamtkonzern an der Börse deutlich niedriger bewertet wird. Ein Konglomerat kann wertvolle Einzelteile besitzen, ohne dass der Kapitalmarkt ihnen im Konzernverbund denselben Multiple zugesteht. Der Coatings-Deal hat diesen versteckten Wert nicht theoretisch geschätzt, sondern mit einem echten externen Käufer bepreist.

5,8 Milliarden Euro flossen BASF vor Steuern in bar zu. Gleichzeitig blieb BASF mit 40 Prozent an Surventis beteiligt. Anleger haben also zwei Dinge bekommen: Liquidität heute und einen Anteil an möglichem zukünftigen Wert.

Der spektakuläre Veräußerungsgewinn von rund 3,9 Milliarden Euro vor Steuern erklärt einen großen Teil des gemeldeten Nettogewinns im zweiten Quartal. Das ist ein Einmaleffekt. Der Cashzufluss ist aber kein buchhalterischer Schein. Das Geld existiert tatsächlich und verändert die Bilanz.

Wer die operative Q2-Analyse noch nicht gelesen hat, findet die Trennung zwischen laufendem Geschäft und Sondergewinn in unserem BASF-Q2-Deep-Dive vom 22. August. Hier interessiert uns die nächste Stufe: Was macht das Management mit dem freigesetzten Kapital?

17,1 Milliarden Euro Nettoschulden: Der erste Teil der Antwort ist Entschuldung

Zum 30. Juni 2026 meldete BASF eine Nettoverschuldung von 17,117 Milliarden Euro. Ein Jahr zuvor waren es 21,281 Milliarden Euro. Der Rückgang beträgt mehr als vier Milliarden Euro beziehungsweise knapp 20 Prozent.

Das verändert die Risikostruktur. Chemie ist ein zyklisches Geschäft. In guten Jahren entstehen hohe Ergebnisbeiträge, in schlechten Jahren können Preis- und Volumenrückgänge sehr schnell auf die Marge durchschlagen. Eine niedrigere Verschuldung hat daher einen höheren Wert als bei einem stabilen Softwareunternehmen mit wiederkehrenden Umsätzen.

Die Logik ist einfach: Weniger Schulden bedeuten weniger Zinskosten, mehr Flexibilität im Abschwung und mehr Spielraum für Ausschüttungen oder Investitionen. Vor allem sinkt das Risiko, dass BASF in einem schlechten Chemiezyklus genau dann Kapital beschaffen muss, wenn die Aktie schwach ist.

Allerdings sollte niemand den gesamten Coatings-Erlös gedanklich von der Nettoverschuldung abziehen. Steuern, Working Capital, laufende Investitionen, Ausschüttungen und andere Zahlungsströme wirken gleichzeitig. Die Bilanz ist kein statisches Foto.

5,8 Mrd. € Cash – aber wohin fließt das Kapital?Bilanz17,1 Mrd. €Nettoschulden H1 2026−19,6 % YoYAktionäre2,25 €Mindestdividende je Aktie+ RückkäufeWachstum8,7 Mrd. €Zhanjiang-InvestitionChina-SkalierungDer Wert der BASF-Aktie hängt nicht am Cashzufluss selbst, sondern an dessen Rendite nach Verwendung.
Der Coatings-Verkauf gibt BASF finanziellen Spielraum. Entscheidend ist, wie diszipliniert dieser zwischen Bilanz, Aktionären und Wachstum verteilt wird.

Der Aktienrückkauf ist bei 52,75 Euro kein Nebenthema

BASF begann im August 2026 ein neues Rückkaufprogramm über bis zu eine Milliarde Euro, das bis Ende April 2027 laufen soll. Es ist Teil des bereits angekündigten Gesamtprogramms von mindestens vier Milliarden Euro bis Ende 2028.

Zwischen November 2025 und Juni 2026 hatte BASF bereits Aktien im Wert von rund 1,5 Milliarden Euro zurückgekauft. 31,6 Millionen Aktien sollen eingezogen werden – etwa 3,5 Prozent des damaligen Grundkapitals.

Bei einem Kurs von 52,75 Euro könnte eine weitere Milliarde Euro theoretisch knapp 19 Millionen Aktien kaufen. Der tatsächliche Durchschnittspreis wird anders liegen, aber die Größenordnung ist relevant: ungefähr zwei Prozent der aktuell ausstehenden Aktien.

Das ist der Mechanismus, der Rückkäufe für verbleibende Aktionäre wertvoll macht. Wenn das Unternehmen profitabel bleibt und weniger Aktien existieren, verteilt sich derselbe Gewinn auf weniger Anteile.

Ein einfaches Beispiel: Ein Unternehmen verdient vier Milliarden Euro und hat 900 Millionen Aktien. Das sind 4,44 Euro Gewinn je Aktie. Sinkt die Aktienzahl auf 850 Millionen, steigt das EPS bei unverändertem Gesamtgewinn auf 4,71 Euro. Das Unternehmen muss dafür operativ keinen Euro mehr verdienen.

Aber Rückkäufe sind nur dann Wertschöpfung, wenn die Aktie nicht überteuert gekauft wird. Ein Unternehmen, das eigene Aktien zu einem Preis deutlich über dem inneren Wert erwirbt, vernichtet Kapital – nur subtiler als bei einer schlechten Übernahme.

Wie attraktiv ist der Rückkauf bei der heutigen Bewertung?

Bei rund 52,75 Euro liegt BASFs Börsenwert um 45,6 Milliarden Euro. Die aktuelle Analystenschätzung auf der BASF-Seite nennt für das Gesamtjahr 2026 im Mittel 7,615 Milliarden Euro EBITDA vor Sondereinflüssen.

Addiert man zur Marktkapitalisierung die Nettoverschuldung von 17,1 Milliarden Euro, erhält man grob einen Enterprise Value von 62,7 Milliarden Euro. Das entspricht ungefähr dem 8,2-Fachen des erwarteten bereinigten EBITDA.

Diese Rechnung ist bewusst grob. Sie berücksichtigt die 40-Prozent-Beteiligung an Surventis nicht separat, ebenso wenig Pensionsverpflichtungen, Minderheiten oder mögliche zusätzliche Cashbewegungen nach dem Bilanzstichtag. Aber sie zeigt die Größenordnung.

Achtmal EBITDA ist für einen zyklischen Chemiekonzern nicht absurd billig. Es ist aber auch keine Bewertung, die bereits hohe strukturelle Wachstumsraten voraussetzt.

Der Rückkauf ist deshalb vernünftig, wenn BASF seine Ergebnisbasis stabilisieren kann. Er wäre weniger überzeugend, wenn die heutigen Gewinne hauptsächlich ein zyklischer Peak wären.

Die Dividende: 2,25 Euro sind nicht mehr die alte BASF-Dividendenstory

BASF hat die Dividende in den vergangenen Jahren neu kalibriert. Für 2025 wurden 2,25 Euro je Aktie ausgeschüttet. Das Unternehmen beabsichtigt, von 2025 bis 2028 jährlich mindestens diesen Betrag zu zahlen, insgesamt also rund acht Milliarden Euro Dividenden plus mindestens vier Milliarden Euro Aktienrückkäufe.

Bei 52,75 Euro entspricht 2,25 Euro einer Dividendenrendite von rund 4,3 Prozent.

Das klingt attraktiv, ist aber deutlich weniger spektakulär als die alte BASF-Ausschüttung von 3,40 Euro. Die Reduktion war politisch und emotional unschön für klassische Dividendenanleger, ökonomisch aber nachvollziehbar. Ein Unternehmen mit massivem Investitionsprogramm, zyklischem Cashflow und hoher Verschuldung sollte keine Ausschüttung verteidigen, nur weil Anleger sich an eine Zahl gewöhnt haben.

Die heutige Kombination aus niedrigerer Basisdividende und Rückkäufen ist flexibler. Rückkäufe können angepasst werden, ohne dass der Markt dies so stark als Signal des Scheiterns interpretiert wie eine Dividendensenkung.

Unser Anleihen-Guide erklärt, warum eine sichere Rendite immer gegen alternative Kapitalmarktrenditen betrachtet werden muss. Eine BASF-Dividendenrendite von gut vier Prozent ist kein Geschenk, wenn risikolose oder risikoarme Zinsen hoch sind; sie wird attraktiver, wenn zusätzlich Gewinn je Aktie und innerer Wert wachsen.

Zhanjiang: die 8,7-Milliarden-Euro-Frage

Die vielleicht wichtigste Gegenposition zur neuen Kapitaldisziplin steht im südchinesischen Zhanjiang.

BASF hat dort einen neuen Verbundstandort aufgebaut. Die Investition beträgt rund 8,7 Milliarden Euro. Das Gelände umfasst ungefähr vier Quadratkilometer, beschäftigt mehr als 2.000 Menschen und wird vollständig mit erneuerbarem Strom betrieben. Im März 2026 wurde der Standort offiziell eröffnet.

Auf den ersten Blick wirkt es paradox: BASF beklagt strukturell hohe Kosten in Europa, schließt Anlagen in Ludwigshafen, verkauft Geschäftsbereiche und investiert gleichzeitig Milliarden in China.

Aus industrieller Sicht ist die Logik klar. BASF erwartet, dass mehr als 80 Prozent des weltweiten Wachstums der Chemieindustrie bis 2035 in Asien stattfinden werden. China allein repräsentiert einen enormen Teil der globalen Chemienachfrage. Wer dort nicht lokal produziert, riskiert Kosten-, Logistik- und Kundennachteile.

Aus Anlegersicht ist die Frage schwieriger: Ist Zhanjiang eine Hochrenditeinvestition oder der Versuch eines europäischen Konzerns, mit sehr viel Kapital in einem Markt mitzuhalten, in dem chinesische Wettbewerber immer effizienter werden?

Das China-Risiko ist gleichzeitig das China-Argument

BASF wird oft dafür kritisiert, in China zu investieren. Die Kritik ist nicht irrational. Geopolitische Spannungen, Handelskonflikte, lokale Überkapazitäten und politische Eingriffe können die Rendite einer jahrzehntelangen Industrieinvestition massiv beeinflussen.

Aber ein vollständiger Rückzug wäre ebenfalls riskant. Ein Chemiekonzern verdient Geld, indem er dort produziert, wo Industriekunden wachsen. Wenn der globale Nachfragezuwachs überwiegend in Asien entsteht, kann eine Europa-only-Strategie das politische Risiko reduzieren und gleichzeitig das wirtschaftliche Risiko erhöhen.

Das ist die eigentliche Wette: BASF akzeptiert geopolitisches Risiko, um strukturelles Wachstumsrisiko zu vermeiden.

Die Bewertung des Zhanjiang-Projekts darf deshalb nicht ideologisch erfolgen. Entscheidend sind Auslastung, lokale Margen, Kapitalrendite und Cashflow.

Warum der neue Standort die BASF-Marge verbessern könnte

Ein Verbundstandort integriert Produktionsketten. Nebenprodukte einer Anlage werden Rohstoffe der nächsten. Energie und Logistik werden optimiert. Das Prinzip ist einer der historisch wichtigsten Wettbewerbsvorteile von BASF.

Zhanjiang kombiniert dieses Modell mit neuer Technologie, hoher Automatisierung und erneuerbarem Strom. Anders als jahrzehntealte Anlagen in Ludwigshafen trägt der Standort weniger historische Komplexität.

Wenn die Auslastung steigt, kann daraus ein strukturell kostengünstiger Produktionshub werden.

Aber genau hier liegt die Gefahr von Großprojekten: Die Investitionskosten sind heute sicher. Die Auslastung von 2030 ist es nicht.

Ludwigshafen: Sparen ist kein Geschäftsmodell, aber manchmal Voraussetzung

BASF treibt gleichzeitig Restrukturierung und Kostensenkungen in Europa voran. Im zweiten Quartal belasteten Transformationskosten und neue ERP-Systeme das Ergebnis mit Sondereffekten.

Kostensenkungen können die Marge kurzfristig verbessern. Langfristig entsteht Wert aber nur, wenn BASF seine europäischen Standorte nicht kaputtspart. Chemische Verbundstandorte leben von Skaleneffekten. Wird zu viel Volumen entfernt, können Fixkosten auf weniger Produktion verteilt werden.

Der richtige Umbau besteht deshalb nicht aus pauschalen Stellenstreichungen, sondern aus einer Portfoliobereinigung: schwache, strukturell unattraktive Anlagen schließen; wettbewerbsfähige Spezialchemie, Materialien und integrierte Wertschöpfung behalten.

Der freie Cashflow bleibt der Wahrheitstest

Trotz guter Gewinnzahlen lag der freie Cashflow im zweiten Quartal bei minus 189 Millionen Euro. Im ersten Halbjahr betrug er minus 1,564 Milliarden Euro. Der Hauptgrund ist die saisonale und rohstoffpreisbedingte Kapitalbindung.

Das ist bei BASF nicht ungewöhnlich, aber es verhindert, dass man sich vom EBITDA blenden lässt.

Das Management erwartet für das Gesamtjahr 1,5 bis 2,3 Milliarden Euro freien Cashflow. Der Analystenkonsens liegt am oberen Ende dieser Spanne.

Bei 2,3 Milliarden Euro entspräche die Free-Cashflow-Rendite auf die aktuelle Marktkapitalisierung rund fünf Prozent. Bei 1,5 Milliarden wären es nur gut drei Prozent.

Diese Spanne macht einen gewaltigen Unterschied. Eine Aktie mit vier Prozent Dividendenrendite und drei Prozent Free-Cashflow-Rendite finanziert die Ausschüttung nicht komfortabel aus laufendem Cashflow. Dann werden Portfolioerlöse und Bilanzmittel wichtiger. Bei fünf Prozent FCF-Rendite plus wachsender Ertragskraft wird die Geschichte deutlich überzeugender.

Was 2026 aus Sicht eines Aktionärs entscheidetFree-Cashflow-Szenarien auf Basis der BASF-PrognosespanneUnteres Ende1,5 Mrd. €~3,3 % FCF-RenditeMitte1,9 Mrd. €~4,2 % FCF-RenditeOberes Ende2,3 Mrd. €~5,0 % FCF-RenditeBerechnet auf rund 45,6 Mrd. € Marktkapitalisierung; vereinfachte Momentaufnahme.
Bei BASF entscheidet nicht das bereinigte EBITDA allein. Die Umwandlung des Ergebnisses in freien Cashflow bestimmt, wie nachhaltig Dividende und Rückkäufe sind.

Was ist die Aktie nach dem Portfolio-Umbau wert?

Eine klassische KGV-Bewertung ist 2026 wegen des Coatings-Sondergewinns wenig hilfreich. Das berichtete EPS ist durch den Verkauf verzerrt. Besser sind Enterprise Value, normalisiertes EBITDA und Free Cashflow.

Bei einem Enterprise Value von grob 62 bis 63 Milliarden Euro und erwartetem EBITDA vor Sondereinflüssen von etwa 7,6 Milliarden Euro liegt das Verhältnis um 8,2.

Ein konservativer Investor könnte sagen: Für einen zyklischen Chemiekonzern mit China- und Energierisiko ist das fair, nicht billig.

Ein optimistischer Investor sieht etwas anderes: Zhanjiang läuft erst hoch, die europäische Kostenbasis sinkt, die Aktienzahl fällt, die Schulden sinken, und die 40-Prozent-Beteiligung an Surventis besitzt weiterhin erheblichen Wert. Dann kann das heutige EBITDA eine Übergangsgröße sein.

Genau deshalb liegt der Analystenkonsens für die BASF-Aktie aktuell bei rund 53,17 Euro – praktisch dort, wo die Aktie ohnehin handelt. Die Spanne reicht allerdings von 40 bis 64 Euro. Das ist kein Zeichen dafür, dass Analysten nichts wissen. Es zeigt, wie stark unterschiedliche Normalisierungsannahmen den fairen Wert verändern.

Mein Basisszenario

Ich würde BASF heute nicht als klassisches „Deep Value“-Investment bezeichnen. Dafür ist die Bewertung nach dem Kursanstieg zu normal und der Cashflow noch zu volatil.

Aber das Chance-Risiko-Profil hat sich verbessert.

Meine Basiserwartung wäre, dass BASF mittelfristig ein bereinigtes EBITDA im Bereich von 7,5 bis 8 Milliarden Euro stabilisieren kann, die Nettoverschuldung weiter sinkt und die Aktienzahl durch Rückkäufe kontinuierlich zurückgeht. Wenn Zhanjiang normal hochläuft, kann der Konzern einen Teil der europäischen strukturellen Schwäche kompensieren.

Unter diesen Annahmen ist ein Kurs im mittleren bis oberen 50-Euro-Bereich plausibel, ohne aggressive Multiples zu benötigen. Für deutlich höhere Kurse bräuchte es entweder einen stärkeren Chemiezyklus oder den Nachweis, dass Zhanjiang und weitere Portfolioentscheidungen die Kapitalrendite sichtbar erhöhen.

Das Bärenszenario

Im negativen Szenario bleiben globale Chemiespreads schwach. Chinesische Überkapazitäten drücken Preise. Zhanjiang erreicht nur langsam hohe Auslastung. Energie- und Rohstoffkosten bleiben volatil. Gleichzeitig bindet Working Capital weiter viel Geld.

Dann kann BASF zwar Dividenden zahlen und Aktien zurückkaufen, aber ein Teil dieser Ausschüttungen würde aus Portfolioerlösen statt aus organischem Cashflow finanziert. Das wäre kein nachhaltiger Compounder, sondern ein Konzern, der Vermögenswerte monetarisiert, um Aktionäre bei Laune zu halten.

In diesem Szenario ist ein Multiple unter achtmal EBITDA vollkommen nachvollziehbar.

Das Bullenszenario

Im positiven Szenario wird die Coatings-Transaktion zum Modell für weitere Wertfreisetzung. BASF reduziert die Komplexität, steigert den Anteil profitabler Kerngeschäfte, baut Schulden ab und kauft Aktien unter innerem Wert zurück.

Zhanjiang erreicht hohe Auslastung und verdient attraktive Renditen. Die neuen Kapazitäten in Nordamerika starten planmäßig. Europa wird kleiner, aber produktiver.

Dann könnte BASF in einigen Jahren mit deutlich weniger Aktien, weniger Schulden und einer geografisch besseren Kostenbasis dastehen. Selbst ohne dramatisches Umsatzwachstum würde der Gewinn je Aktie steigen.

Warum der Vergleich mit Bayer lehrreich ist

Unser Bayer-Turnaround-Artikel zeigt ein anderes deutsches Konglomeratproblem. Bayer besitzt ebenfalls starke operative Assets, doch ein großer Teil des Eigenkapitalwerts wird von Altlasten und Schulden bestimmt.

BASF hat heute den Vorteil, dass der Konzern seinen Umbau aus einer Position größerer strategischer Freiheit steuert. Die Coatings-Transaktion ist kein Notverkauf zur Finanzierung eines Rechtsrisikos, sondern eine aktive Portfolioentscheidung.

Das ist qualitativ ein großer Unterschied.

Was ich als Aktionär jetzt beobachten würde

  • Free Cashflow 2026: Kommt BASF eher bei 1,5 oder 2,3 Milliarden Euro heraus?
  • Nettoschulden: Sinkt der Wert auch nach Rückkäufen und Dividende weiter?
  • Zhanjiang-Auslastung: Wie schnell wird der neue Standort ergebniswirksam?
  • Chemicals-Marge: Werden höhere Rohstoffpreise weitergegeben oder fressen sie Spreads?
  • Rückkaufpreis: Wie viel zahlt BASF durchschnittlich je zurückgekaufter Aktie?
  • Surventis: Wie entwickelt sich die 40-Prozent-Beteiligung nach dem Carve-out?
  • Weitere Portfolioverkäufe: Kommen zusätzliche Standalone-Geschäfte auf den Prüfstand?
  • Ludwigshafen: Verbessert sich die Rendite des Standorts strukturell?

Fazit: BASF wird gerade nicht nur operativ besser – der Konzern wird neu finanziert

Der interessanteste Teil der BASF-Story im September 2026 ist nicht mehr der Gewinnsprung des zweiten Quartals. Er ist die Kapitalarchitektur dahinter.

BASF hat einen hochwertigen Geschäftsbereich zu einem attraktiven Multiple verkauft, 5,8 Milliarden Euro Cash erhalten, eine 40-Prozent-Beteiligung behalten, die Nettoverschuldung deutlich reduziert und gleichzeitig die Aktienzahl gesenkt. Das ist solide Kapitalallokation.

Aber der Konzern verdient den Vertrauensvorschuss erst dann vollständig, wenn das neue Kapital produktiv arbeitet. Die 8,7-Milliarden-Euro-Investition in Zhanjiang muss attraktive Renditen liefern. Die Free-Cashflow-Prognose muss erreicht werden. Rückkäufe sollten zu Preisen stattfinden, die langfristig Wert schaffen.

Bei rund 52,75 Euro ist BASF deshalb für mich kein offensichtliches Schnäppchen. Es ist eine zunehmend interessante Wette darauf, dass ein alter europäischer Industriekonzern endlich lernt, nicht nur Chemieanlagen, sondern auch sein Kapitalportfolio konsequent zu optimieren.

Wenn dieser Umbau funktioniert, wird der entscheidende Wert nicht im nächsten Quartalsgewinn sichtbar. Er wird sich darin zeigen, dass jeder verbleibende BASF-Anteil in einigen Jahren einen größeren Anteil an einem schlankeren, weniger verschuldeten und geografisch besser aufgestellten Konzern repräsentiert.

Quellen

Dieser Beitrag ist eine unabhängige Analyse und keine Anlageberatung. Szenarien und Bewertungsrechnungen sind vereinfachte Modelle und keine Kursgarantien.

Ein letzter Punkt: Warum die 40-Prozent-Beteiligung an Surventis nicht vergessen werden darf

Der Verkauf von Coatings ist nicht gleichbedeutend mit einem vollständigen Ausstieg. BASF hält weiterhin 40 Prozent an Surventis. Das ist aus Bewertungssicht wichtig, weil ein Teil des künftigen Wertzuwachses beim Konzern verbleibt.

Wenn Carlyle das Geschäft effizienter macht, Margen hebt oder es später zu einer höheren Bewertung an die Börse bringt oder weiterverkauft, partizipiert BASF daran. Umgekehrt bleibt BASF auch an operativen Risiken beteiligt.

Für eine Sum-of-the-Parts-Betrachtung sollte diese Beteiligung deshalb separat bewertet werden. Ein Anleger, der nur den Cashzufluss von 5,8 Milliarden Euro berücksichtigt, unterschätzt potenziell den verbliebenen Vermögenswert. Ein Anleger, der die 40 Prozent gedanklich zum alten 13-fachen EBITDA-Multiple ansetzt, könnte dagegen zu optimistisch sein, weil Minderheitsbeteiligungen und spätere Exit-Bedingungen Abschläge rechtfertigen.

Gerade hier liegt der Charme des Deals: BASF hat Liquidität freigesetzt, ohne das gesamte Upside des Geschäfts abzugeben.

Warum BASF trotz aller Umbauten ein zyklischer Titel bleibt

Man darf den Portfolio-Umbau nicht mit einer Veränderung der DNA verwechseln. BASF bleibt ein Chemiekonzern, dessen Ergebnis von industrieller Nachfrage, Energiepreisen, Rohstoffkosten und globalen Kapazitäten abhängt.

Das bedeutet: Selbst perfekte Kapitalallokation kann einen schlechten Chemiezyklus nicht vollständig neutralisieren. Wenn Nachfrage aus Automobil, Bau, Konsumgütern und Industrie schwach ist, fallen Auslastung und Preissetzungsmacht. Gleichzeitig laufen Fixkosten weiter.

Genau deshalb ist die heutige Bilanzverbesserung so wichtig. Ein zyklisches Unternehmen sollte in guten oder normalisierten Jahren finanziellen Spielraum aufbauen, damit es in schwachen Phasen nicht gezwungen ist, Investitionen zu kürzen oder Kapital zu ungünstigen Konditionen aufzunehmen.

Für Anleger folgt daraus eine praktische Konsequenz: BASF sollte nicht mit einer einzigen Gewinnschätzung bewertet werden. Sinnvoller ist ein normalisierter Mittelwert über den Zyklus. Wer nur das beste Jahr nimmt, überschätzt den inneren Wert; wer nur das schlechteste Jahr nimmt, unterschätzt ihn.

Was ein langfristiger Anleger wirklich kauft

Wer BASF heute kauft, kauft daher nicht nur 2026er EBITDA. Er kauft ein Paket aus bestehender europäischer Industrieinfrastruktur, wachsendem Asiengeschäft, Beteiligungen, Marken, Patenten, Kundenbeziehungen und der Fähigkeit des Managements, Kapital zwischen diesen Bausteinen zu verschieben.

Der Coatings-Deal ist deshalb ein wichtiger Testfall. Wenn BASF künftig häufiger Vermögenswerte verkauft, wenn externe Käufer höhere Multiples zahlen als der Kapitalmarkt dem Gesamtkonzern zugesteht, kann der Konzernwert pro Aktie steigen, ohne dass der Umsatz wächst.

Das ist die eigentliche Value-These: nicht spektakuläres Wachstum, sondern bessere Kapitalrendite auf einer bereits sehr großen industriellen Basis.

Damit bleibt für mich ein klarer Bewertungsmaßstab: BASF muss zeigen, dass jeder Euro aus Verkäufen, Rückkäufen und Großinvestitionen künftig mehr als einen Euro inneren Wert schafft. Gelingt das, wird der Konzern trotz begrenzten Umsatzwachstums attraktiver. Gelingt es nicht, bleibt die Aktie vor allem ein zyklischer Dividendentitel mit gelegentlichen Portfolioeffekten.

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Novalis ist unabhängiger Finanzautor bei The Kapital. Er analysiert Unternehmen, Aktien, Kapitalmärkte und Trading-Mechanismen auf Grundlage öffentlich zugänglicher Primärquellen. Seine Arbeit legt Wert auf nachvollziehbare Annahmen, transparente Bewertungsmethoden und eine klare Trennung zwischen Fakten, Analyse und persönlicher Einschätzung.

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