Ein Orderbuch ist eines dieser Börsenwerkzeuge, das in der Oberfläche nach mehr Wissen aussieht, als es tatsächlich liefert.
Zehn Kaufstufen links. Zehn Verkaufsstufen rechts. Stückzahlen. Preise. Vielleicht ein Verhältnis von Geld- zu Briefseite. Und plötzlich fühlt sich der Markt an wie eine Maschine, deren Zahnräder man sehen kann.
Das Problem ist nur: Man sieht nicht die Maschine.
Man sieht einen Ausschnitt.
Das ist ein entscheidender Unterschied.
Ein Orderbuch kann dir zeigen, wo sichtbare Kauf- und Verkaufsorders liegen. Es kann zeigen, wie eng ein Markt ist, wie viel Liquidität auf bestimmten Preisstufen wartet und wie eine neue Market Order durch diese Liquidität hindurchlaufen würde. Es kann dir helfen, deine eigene Order intelligenter zu platzieren.
Was es dir nicht zuverlässig zeigt, ist die Identität der Marktteilnehmer, ihre vollständige Absicht, ihre versteckte Liquidität oder die Orders, die erst in Millisekunden entstehen werden.
Ich halte das Orderbuch deshalb weder für nutzlos noch für magisch.
Es ist ein Mikroskop.
Und wie bei jedem Mikroskop besteht die Kunst darin, nicht zu behaupten, man sehe damit das ganze Tier.
Was ist ein Orderbuch?
Das elektronische Orderbuch einer Börse enthält offene Kauf- und Verkaufsorders für ein Wertpapier. Auf Xetra werden limitierte Orders nach Preis und Zeit geordnet. Die höchsten Kaufgebote stehen auf der Bid-Seite, die niedrigsten Verkaufsangebote auf der Ask-Seite.
Das Handelssystem gleicht passende Orders automatisch miteinander ab.
Die Grundregel lautet Preis-Zeit-Priorität: Ein besserer Preis kommt vor einem schlechteren. Bei gleichem Preis wird die früher eingegangene Order grundsätzlich zuerst berücksichtigt.
Diese einfache Regel erklärt einen erstaunlich großen Teil dessen, was Trader im Orderbuch beobachten.
Bid, Ask und Spread
Angenommen, eine Aktie besitzt folgende beste Preise:
Best Bid: 49,98 Euro
Best Ask: 50,02 Euro
Das bedeutet: Der höchste sichtbare Käufer ist bereit, 49,98 Euro zu zahlen. Der günstigste sichtbare Verkäufer ist bereit, zu 50,02 Euro zu verkaufen.
Die Differenz von vier Cent ist der Spread.
Wenn du sofort kaufen willst und eine Market Order sendest, wirst du typischerweise gegen die Verkaufsseite ausgeführt. Wenn du sofort verkaufen willst, triffst du die Kaufseite.
Der Spread ist damit keine abstrakte Kennzahl. Er ist der Preis für sofortige Ausführung.
Warum der letzte Preis nicht der Marktpreis ist
Viele Anleger schauen auf den letzten gehandelten Preis und behandeln ihn wie eine objektive Wahrheit.
Angenommen, der letzte Trade war 50,00 Euro. Das Orderbuch steht inzwischen aber bei 49,80 zu 49,90 Euro.
Wenn du jetzt 10.000 Aktien verkaufen willst, interessiert dich der letzte Kurs praktisch nicht. Entscheidend ist, welche Kauforders aktuell vorhanden sind und wie tief deine Order in das Buch hineinläuft.
Der letzte Preis beschreibt die Vergangenheit. Bid und Ask beschreiben die aktuell sichtbare Ausführbarkeit.
Market Order: sofort handeln, Preisrisiko akzeptieren
Eine Market Order besitzt kein Preislimit. Du sagst der Börse sinngemäß: Führe mich gegen die besten verfügbaren Gegenorders aus.
In einem liquiden DAX-Wert kann das problemlos sein. In einem illiquiden Nebenwert kann es teuer werden.
Beispiel auf der Verkaufsseite:
- 500 Aktien zu 10,00 Euro
- 700 Aktien zu 10,05 Euro
- 1.000 Aktien zu 10,15 Euro
Du sendest eine Market Buy Order über 1.500 Aktien.
Die ersten 500 werden zu 10,00 ausgeführt. Die nächsten 700 zu 10,05. Für die letzten 300 musst du bereits 10,15 zahlen.
Dein durchschnittlicher Preis liegt deutlich über dem besten Ask, den du vor dem Klick gesehen hast.
Das ist Slippage.
Wer Stop- und Market-Order-Mechanik genauer verstehen will, sollte ergänzend den Artikel Stop Orders Explained: Gaps und Slippage lesen.
Limit Order: Preis kontrollieren, Ausführung riskieren
Mit einer Limit Order sagst du: Ich kaufe höchstens zu diesem Preis beziehungsweise verkaufe mindestens zu diesem Preis.
Du kontrollierst den Preis. Dafür gibst du die Garantie auf sofortige Ausführung auf.
Wenn die Aktie bei 50,00 zu 50,02 steht und du ein Kauflimit bei 49,95 eingibst, landest du hinter allen Orders, die bereits zu 49,95 oder höher auf der Kaufseite stehen.
Hier beginnt die Zeitpriorität.
Preis-Zeit-Priorität: warum fünf Sekunden relevant sein können
Zwei Händler stellen Kauforders bei 20,00 Euro ein.
Trader A sendet um 10:00:01 eine Order über 1.000 Stück.
Trader B sendet um 10:00:05 ebenfalls 1.000 Stück.
Wenn anschließend nur 1.000 Stück zu diesem Preis verkauft werden, hat Trader A die bessere Zeitpriorität.
Für institutionelle und algorithmische Händler ist das keine Randnotiz. In bestimmten Strategien ist die Position innerhalb der Warteschlange selbst ökonomisch wertvoll.
Deshalb ist ein sichtbares Volumen von 10.000 Aktien auf einer Preisstufe nicht einfach „ein Block“. Es kann aus vielen Orders mit völlig unterschiedlicher Priorität bestehen.
Das Orderbuch zeigt keine Namen
Das ist einer der häufigsten Fehler in Börsenforen.
Jemand sieht 50.000 Aktien auf der Bid-Seite und schreibt: „Da sammelt ein Fonds.“
Das Orderbuch selbst beweist das nicht.
Die sichtbare Order könnte von einem Fonds stammen. Oder einem Market Maker. Oder mehreren Privatanlegern. Oder einem Algorithmus. Oder einem Händler, der sie zehn Sekunden später wieder storniert.
Selbst eine große einzelne Order erlaubt keine zuverlässige Identifikation des Eigentümers.
Ich habe genau diese Grenze in meiner HelloFresh-Analyse unter drei Euro betont: Eine auffällige Order bei einer psychologisch wichtigen Marke kann interessant sein. Sie beweist aber nicht, welcher Marktteilnehmer dahintersteht.
Orderbuch-Imbalance: mehr Bid als Ask = bullish?
Viele Plattformen berechnen ein Verhältnis zwischen sichtbarem Kauf- und Verkaufsvolumen.
Beispiel:
Top 10 Bid-Seite: 80.000 Aktien.
Top 10 Ask-Seite: 30.000 Aktien.
Das sieht bullish aus.
Aber daraus folgt nicht automatisch, dass der Kurs steigen muss.
Warum?
Erstens sind nur sichtbare Orders enthalten. Zweitens können Orders storniert werden. Drittens kann eine aggressive Market-Sell-Welle die gesamte Bid-Seite sofort konsumieren. Viertens können neue Ask-Orders in Millisekunden erscheinen.
Orderbuch-Imbalance ist ein Zustand, kein Versprechen.
Market Maker: Gegner oder Liquiditätsanbieter?
Der Begriff Market Maker wird im Internet häufig benutzt, als sei damit eine einzelne geheimnisvolle Partei gemeint, die Kurse manipuliert.
In Wirklichkeit beschreibt Market Making zunächst eine Funktion: kontinuierlich Kauf- und Verkaufspreise beziehungsweise Liquidität bereitzustellen.
Ein Market Maker verdient typischerweise nicht dadurch, dass er immer weiß, wohin der Kurs morgen läuft. Sein Geschäft besteht unter anderem darin, Spreads zu vereinnahmen, Bestände zu steuern und Risiko abzusichern.
Wenn er dir zu 50,00 Aktien abkauft und sie später zu 50,02 weiterverkauft, verdient er am Spread. Das klingt trivial. In hoher Frequenz und bei großen Volumina wird aus wenigen Basispunkten ein Geschäft.
Aber Market Maker tragen Inventarrisiko. Wenn sie kaufen und der Kurs anschließend stark fällt, verlieren sie auf dem Bestand. Deshalb werden Quotes in hektischen Marktphasen breiter oder kleiner.
Warum Spreads bei Stress breiter werden
Stell dir vor, eine Aktie steht normalerweise bei 100,00 zu 100,02 Euro.
Dann veröffentlicht das Unternehmen überraschend Zahlen. Der faire Wert ist plötzlich unsicher. Käufer und Verkäufer schicken aggressive Orders. Volatilität steigt.
Ein Market Maker, der weiterhin blind einen Zwei-Cent-Spread stellt, würde Gefahr laufen, von besser informierten Händlern systematisch getroffen zu werden.
Also reagiert er: weniger Stückzahl, breiterer Spread, schnellere Quote-Anpassung.
Der breitere Spread ist nicht zwingend Manipulation. Er ist ein Preis für gestiegenes Risiko.
Iceberg Orders: das sichtbare Orderbuch ist nicht vollständig
Eine Iceberg Order zeigt nur einen Teil des gesamten Volumens.
Angenommen, ein institutioneller Händler möchte 100.000 Aktien kaufen, aber nicht die gesamte Absicht offenlegen. Er könnte eine Iceberg Order mit einem sichtbaren Peak von beispielsweise 5.000 Stück verwenden.
Die 5.000 werden sichtbar. Nach Ausführung kann ein neuer Peak ins Orderbuch gestellt werden, während der Rest verborgen bleibt.
Die Deutsche Börse beschreibt diese Mechanik ausdrücklich im Xetra-Marktmodell.
Das ist ein wichtiger Grund, warum sichtbare Orderbuchtiefe niemals mit vollständiger Liquidität verwechselt werden darf.
Wie erkennt man eine mögliche Iceberg Order?
Man kann sie von außen nicht immer sicher identifizieren.
Ein Hinweis kann sein, dass auf einer Preisstufe immer wieder Volumen ausgeführt wird, aber die sichtbare Menge wieder erscheint.
Beispiel: Bei 25,00 Euro stehen 2.000 Aktien zum Verkauf. Mehrfach werden 1.500 Aktien gekauft, aber kurz darauf stehen wieder 2.000 oder ähnliche Mengen dort.
Das kann auf versteckte Liquidität hindeuten.
Es kann aber auch schlicht bedeuten, dass neue unabhängige Verkäufer dieselbe Preisstufe wählen.
Der Unterschied ist wichtig. Orderflow-Analyse arbeitet mit Wahrscheinlichkeiten, nicht mit Hellsehen.
Spoofing: sichtbare Orders können täuschen
Eine weitere Grenze ist Spoofing.
Dabei werden Orders mit der Absicht eingestellt, sie vor Ausführung wieder zu löschen, um einen falschen Eindruck von Angebot oder Nachfrage zu erzeugen. Solche manipulativen Praktiken sind verboten.
Für den Privatanleger bedeutet das praktisch: Eine große sichtbare Order ist Information, aber keine Garantie, dass das Volumen dort bleibt.
Wer eine Kaufentscheidung nur deshalb trifft, weil „da 100.000 Stück im Bid liegen“, baut die gesamte These auf etwas, das in Sekunden verschwinden kann.
Was ist eine Liquiditätswand?
Trader sprechen von einer Bid Wall oder Ask Wall, wenn auf einer Preisstufe besonders viel sichtbares Volumen steht.
Eine Ask Wall bei 50 Euro kann kurzfristig Widerstand erzeugen, weil aggressive Käufer viel Volumen absorbieren müssen, bevor der Preis darüber handeln kann.
Aber auch hier zählt Verhalten mehr als die bloße Größe.
Wenn eine 50.000-Aktien-Ask-Wall ständig gekauft wird und trotzdem nicht verschwindet, ist das interessant. Wenn sie dagegen beim ersten Annähern des Kurses gelöscht wird, war sie kaum echter Widerstand.
Die Frage lautet also nicht nur: Wie groß ist die Order?
Sondern: Was passiert, wenn der Markt sie testet?
Absorption: wenn viel gehandelt wird und der Preis kaum weiterkommt
Angenommen, bei 30 Euro werden innerhalb kurzer Zeit 100.000 Aktien aggressiv verkauft. Trotzdem fällt der Kurs kaum unter 30.
Das kann bedeuten, dass passive Käufer dieses Verkaufsvolumen absorbieren.
Diese Situation ist für Orderflow-Trader interessanter als eine bloße große Bid-Order, weil echte Ausführungen stattgefunden haben.
Der Unterschied zwischen sichtbarer Absicht und realer Ausführung ist zentral.
Wer tiefer in Volumenverteilung und Auktionslogik eintauchen will, findet im Artikel Market Profile Explained die nächste Ebene: Value Area, Point of Control und die Frage, wo ein Markt tatsächlich Akzeptanz findet.
Times & Sales: der Film zum Orderbuch-Foto
Das Orderbuch ist ein Foto. Times & Sales ist der Film.
Dort siehst du tatsächlich ausgeführte Trades: Preis, Zeit und Stückzahl.
Wenn im Ask 5.000 Aktien stehen und anschließend mehrere große Käufe genau zu diesem Preis ausgeführt werden, erkennst du, dass diese Liquidität tatsächlich konsumiert wird.
Erst die Kombination aus Orderbuch und Ausführungen liefert ein sinnvolleres Bild.
Auktionen: wenn Xetra nicht einfach kontinuierlich matcht
Xetra besteht nicht nur aus fortlaufendem Handel. Es gibt Eröffnungs-, untertägige und Schlussauktionen.
Während einer Auktion werden Orders gesammelt. Der Preis wird nach dem Meistausführungsprinzip ermittelt: möglichst viel Volumen soll zu einem einheitlichen Preis ausgeführt werden, bei möglichst geringem Überhang.
Das ist ein anderes Preisfindungsverfahren als im kontinuierlichen Handel.
Gerade die Schlussauktion kann enorme Volumina bündeln, weil Fonds, ETFs und institutionelle Anleger Positionen zum offiziellen Schlusskurs ausführen möchten.
Der englische Deep Dive Closing Auction Explained zeigt, warum die letzten Minuten eines Handelstags deshalb völlig andere Liquiditätsbedingungen besitzen können.
Dark Liquidity: nicht alles steht im sichtbaren Buch
Seit 2025 bietet Xetra mit Xetra Midpoint zusätzlich ein separates Midpoint-Orderbuch. Dieses ist vorhandelstransparent anders strukturiert: Aufträge werden nicht wie im klassischen sichtbaren Limit-Orderbuch angezeigt.
Ausführungen orientieren sich am Midpoint zwischen bestem Bid und Ask des zentralen Xetra-Orderbuchs.
Für große Marktteilnehmer ist das attraktiv, weil sie Handelsabsichten weniger offenlegen.
Für den Privatanleger zeigt es erneut: Das sichtbare Orderbuch ist wichtig, aber nie die Gesamtheit aller Liquidität.
Warum Orderbuchanalyse bei Nebenwerten wertvoller sein kann
Bei hochliquiden DAX-Aktien ist das Orderbuch extrem dynamisch. Orders erscheinen, verschwinden und werden in hoher Geschwindigkeit ausgeführt.
Bei einem marktengen Nebenwert kann ein einzelner großer Auftrag dagegen einen erheblichen Einfluss haben.
Wenn auf einer Small-Cap-Aktie nur 1.000 Aktien pro Preisstufe liegen und du 20.000 Stück kaufen willst, wirst du selbst zum Marktimpuls.
Deshalb ist die Orderbuchanalyse vor allem bei illiquiden Titeln auch ein Werkzeug für Execution, nicht nur für Prognosen.
Beispiel: Warum eine Market Order 3 Prozent kosten kann
Angenommen, ein Nebenwert notiert bei 8,00 zu 8,05 Euro.
Ask-Seite:
- 1.000 Aktien bei 8,05
- 1.500 Aktien bei 8,10
- 2.000 Aktien bei 8,18
- 3.000 Aktien bei 8,30
Du willst 5.000 Aktien sofort kaufen.
Deine Order frisst die ersten drei Stufen vollständig und weitere 500 Stück bei 8,30.
Der gewichtete Durchschnittspreis liegt deutlich oberhalb von 8,05. Du hast noch keinen einzigen Cent fundamentalen Gewinn erzielt, aber bereits einen erheblichen Ausführungsverlust produziert.
Das ist der Grund, warum man bei marktengen Aktien nicht einfach auf „Kaufen“ klickt, als wäre jede Stückzahl gleich liquide.
Market Depth ist keine Richtung, sondern Kapazität
Eine der nützlichsten mentalen Änderungen lautet:
Das Orderbuch sagt mir zuerst, wie viel Markt da ist — nicht wohin der Markt gehen wird.
Wenn auf jeder Seite hunderttausende Aktien liegen, weißt du: Der Markt kann große Orders relativ gut aufnehmen.
Wenn nur kleine Stückzahlen vorhanden sind, weißt du: Deine eigene Ausführung und andere aggressive Orders können den Preis stärker bewegen.
Das ist konkrete Information.
Die Aussage „mehr Bid als Ask, also steigt der Kurs“ ist dagegen wesentlich schwächer.
Was Market Maker wirklich sehen
Professionelle Liquidity Provider besitzen meist erheblich mehr Daten und technische Infrastruktur als ein Privatanleger. Sie analysieren Orderflow, Volatilität, Korrelationen, Bestände, Ausführungswahrscheinlichkeit und andere Handelsplätze.
Aber auch sie kennen die Zukunft nicht.
Market Making ist ein Wahrscheinlichkeits- und Risikomanagementgeschäft.
Der Mythos des allwissenden Market Makers ist für Privatanleger gefährlich, weil er schlechte Trades psychologisch bequem erklärt. Statt die eigene Positionsgröße, Ausführung oder These zu prüfen, wird ein unsichtbarer Gegner verantwortlich gemacht.
Das Orderbuch als Werkzeug zur Orderplatzierung
Hier ist das Orderbuch besonders praktisch.
Angenommen, du möchtest eine Aktie kaufen, die bei 19,98 zu 20,04 steht. Im Bid liegen bei 19,98 nur 200 Aktien, bei 19,95 dagegen 12.000 Aktien.
Du könntest entscheiden, deine Limit Order nahe der größeren Liquiditätszone zu platzieren, statt sofort den Spread zu bezahlen.
Ob das sinnvoll ist, hängt von deiner Strategie ab. Vielleicht läuft der Kurs weg und du wirst nie ausgeführt.
Aber du triffst eine bewusste Entscheidung zwischen Ausführungswahrscheinlichkeit und Preis.
Wie ich ein Orderbuch in 30 Sekunden lese
- Spread: Wie teuer ist sofortige Ausführung?
- Tiefe: Wie viel Volumen liegt nahe am Markt?
- Asymmetrie: Gibt es auffällige Konzentrationen?
- Reaktion: Bleiben große Orders stehen, wenn der Markt sie testet?
- Times & Sales: Wird Liquidität tatsächlich ausgeführt?
- Kontext: Ist Eröffnung, Schlussauktion, News oder normaler Handel?
- Liquidität des Titels: DAX oder enger Small Cap?
Erst danach würde ich versuchen, eine Interpretation zu formulieren.
Die zehn häufigsten Fehlinterpretationen
- „Großes Bid = Fonds kauft.“ Nicht beweisbar.
- „Mehr Bid-Volumen = Kurs steigt.“ Zu simpel.
- „Große Ask Wall = unüberwindbarer Widerstand.“ Kann storniert oder absorbiert werden.
- „Letzter Preis = aktueller fairer Preis.“ Nein, entscheidend sind aktuelle Quotes und Tiefe.
- „Market Order wird zum angezeigten Preis ausgeführt.“ Nur solange dort genug Stücke liegen.
- „Sichtbares Buch = gesamte Liquidität.“ Icebergs und Midpoint-Liquidität widersprechen dem.
- „Market Maker manipuliert immer gegen mich.“ Market Making ist primär Liquiditäts- und Risikogeschäft.
- „Viele kleine Trades sind Privatanleger.“ Identität lässt sich aus Größe allein nicht sicher ableiten.
- „Order bleibt stehen.“ Sie kann jederzeit gelöscht werden.
- „Orderbuch ersetzt Fundamentalanalyse.“ Es beschreibt Mikrostruktur, nicht Unternehmenswert.
Ein vollständiges Praxisbeispiel
Eine Aktie steht bei 12,48 zu 12,52 Euro. Du möchtest 3.000 Stück kaufen.
Im Ask liegen:
- 800 Stück zu 12,52
- 700 Stück zu 12,54
- 1.000 Stück zu 12,58
- 2.500 Stück zu 12,65
Variante A: Market Order. Du wirst über mehrere Stufen ausgeführt. Dein Durchschnitt liegt über dem sichtbaren Best Ask.
Variante B: Limit 12,54. Du kannst maximal die ersten beiden Stufen treffen beziehungsweise Restvolumen als Limit ins Buch stellen. Vielleicht bekommst du nicht alle 3.000 Stück.
Variante C: Limit 12,50 unterhalb des aktuellen Ask. Du stellst Liquidität bereit und wartest. Vielleicht wird der Markt zu dir gehandelt. Vielleicht läuft er ohne dich weg.
Keine Variante ist grundsätzlich richtig.
Die Wahl hängt davon ab, ob dir Geschwindigkeit oder Preis wichtiger ist.
Warum Trader oft zu viel in Level 2 hineinlesen
Menschen lieben sichtbare Muster.
Wenn zehn Zahlenkolonnen vor uns stehen, fühlt sich jede Veränderung bedeutungsvoll an. Das Gehirn baut Geschichten: „Da verteidigt jemand 20 Euro.“ „Da sammelt Smart Money.“ „Da will einer den Kurs drücken.“
Manchmal stimmt die Geschichte.
Das Problem ist, dass dieselben sichtbaren Daten mehrere Erklärungen zulassen.
Ein großer Käufer kann akkumulieren. Ein Market Maker kann Inventar ausgleichen. Ein Arbitragealgorithmus kann Preisunterschiede zwischen Handelsplätzen schließen. Eine Order kann Teil einer viel größeren versteckten Strategie sein.
Professionelle Analyse beginnt deshalb mit dem Satz: Was weiß ich tatsächlich?
Orderbuch und fundamentale Analyse gehören auf unterschiedliche Zeitebenen
Wenn ich entscheide, ob HelloFresh bei drei Euro fundamental billig ist, helfen mir Umsatz, Margen, Cashflow, Bilanz und Wettbewerb.
Wenn ich entscheide, wie ich 20.000 Aktien kaufen kann, ohne unnötig den Kurs hochzudrücken, hilft mir das Orderbuch.
Beides ist Analyse.
Aber es beantwortet nicht dieselbe Frage.
Fazit: Das Orderbuch zeigt Wahrheit — aber nur einen kleinen Teil davon
Ich mag Orderbücher, weil sie die Börse entromantisieren.
Ein Kurs ist nicht einfach eine blinkende Zahl.
Er entsteht aus konkreten Kauf- und Verkaufsaufträgen, Prioritäten, Liquidität und Ausführungen. Man kann sehen, wie eine Market Order durch mehrere Preisstufen läuft. Man kann sehen, warum ein enger Spread wertvoll ist. Man kann beobachten, wie Liquidität absorbiert oder zurückgezogen wird.
Aber das Orderbuch wird gefährlich, sobald man ihm Wissen zuschreibt, das es nicht besitzt.
Es zeigt keine Namen.
Es zeigt nicht jede versteckte Order.
Es zeigt nicht zuverlässig die nächste Order.
Und es sagt dir schon gar nicht, was ein Unternehmen fundamental wert ist.
Die beste Nutzung ist deshalb bescheidener und gleichzeitig professioneller:
Nutze das Orderbuch, um Liquidität zu verstehen. Um Ausführung zu planen. Um zu sehen, wo echtes Volumen gehandelt wird. Um Market Impact zu vermeiden.
Aber wenn du aus einer großen Bid-Wall eine komplette Investmentthese machst, hast du das Mikroskop mit der Landkarte verwechselt.
FAQ zum Orderbuch
Was bedeutet Bid im Orderbuch?
Bid ist die Kaufseite. Das Best Bid ist der höchste aktuell sichtbare limitierte Kaufpreis.
Was bedeutet Ask?
Ask oder Brief ist die Verkaufsseite. Das Best Ask ist das niedrigste aktuell sichtbare Verkaufsangebot.
Was ist der Spread?
Die Differenz zwischen bestem Kauf- und bestem Verkaufspreis.
Kann man erkennen, ob institutionelle Anleger kaufen?
Aus dem öffentlichen Orderbuch allein nicht zuverlässig. Große Orders können institutionell sein, erlauben aber keine sichere Identifikation.
Was ist eine Iceberg Order?
Eine Order, bei der nur ein Teil des Gesamtvolumens sichtbar im Orderbuch angezeigt wird, während weiteres Volumen verborgen bleibt.
Was macht ein Market Maker?
Er stellt Liquidität beziehungsweise Kauf- und Verkaufspreise bereit und steuert dabei eigenes Inventar- und Marktrisiko.
Ist ein großes Bid ein Kaufsignal?
Nicht automatisch. Die Order kann storniert, ausgeführt oder von aggressivem Verkaufsvolumen überrannt werden.
Quellen und Datenstand
- Deutsche Börse: Das offene Xetra-Orderbuch
- Deutsche Börse: Funktionsweise des Xetra-Handels
- Deutsche Börse: Fortlaufender Handel mit Auktionen
- Deutsche Börse: Xetra Midpoint
- Deutsche Börse: Volume Discovery und Iceberg Orders
Der Artikel dient der Wissensvermittlung und stellt keine Anlageberatung dar.


