Ein Futures-Kontrakt ist eines dieser Finanzinstrumente, die auf dem Bildschirm kleiner aussehen, als sie wirtschaftlich sind.
Du klickst einen DAX-Future, einen Öl-Future oder einen Treasury-Future. Auf dem Konto wird vielleicht nur ein Bruchteil des eigentlichen Kontraktwertes als Margin blockiert. Der Rest bleibt scheinbar frei. Genau dadurch entsteht die Illusion, man handle eine kleine Position.
In Wirklichkeit kontrolliert man häufig einen Nominalwert, der ein Vielfaches des hinterlegten Kapitals beträgt. Die Margin ist nicht der Preis des Futures. Sie ist eine Sicherheitsleistung. Gewinne und Verluste werden aus der Bewegung des gesamten Kontrakts berechnet.
Das ist der Punkt, an dem Futures gleichzeitig elegant und gefährlich werden: Sie sind transparent, standardisiert und hocheffizient – aber sie bestrafen jeden, der Kontraktgröße, Tick Value und Tagesvolatilität nicht vor dem Einstieg ausrechnet.
Dieser Leitfaden erklärt Futures nicht als Vokabelliste, sondern als Mechanik. Wir rechnen den tatsächlichen Nominalwert, übersetzen Ticks in Euro und Dollar, zeigen den Unterschied zwischen Initial Margin und wirtschaftlichem Risiko, erklären tägliche Variation Margin, Rollen, Basis, Contango und Backwardation und bauen daraus ein praktikables Risikomodell.
Was ein Future tatsächlich ist
Ein Future ist ein standardisierter börsengehandelter Terminkontrakt. Zwei Marktseiten vereinbaren wirtschaftlich heute einen Preis für eine Abrechnung oder Lieferung zu einem späteren Zeitpunkt. Die Börse standardisiert unter anderem Basiswert, Kontraktgröße, Fälligkeit und minimale Preisbewegung.
Diese Standardisierung unterscheidet Futures von individuell ausgehandelten Forwards. Dazu kommt das Clearing: Eine zentrale Clearingstelle tritt zwischen Käufer und Verkäufer und organisiert Sicherheiten sowie tägliche Gewinn- und Verlustverrechnung.
In der Praxis werden viele Finanzfutures vor Fälligkeit geschlossen oder gerollt. Bei manchen Kontrakten erfolgt Barausgleich, bei anderen kann physische Lieferung vorgesehen sein. Deshalb muss ein Trader immer die konkrete Kontraktspezifikation lesen und darf nicht von einem Markt auf den nächsten schließen.
Der wichtigste Begriff zuerst: Nominalwert
Der Futures-Preis allein sagt nicht, wie groß deine Position ist. Du brauchst den Multiplikator.
Beim Mini-DAX-Future nennt Eurex beispielsweise einen Kontraktwert von 5 Euro pro Indexpunkt. Steht der DAX bei 20.000 Punkten, kontrolliert ein Kontrakt damit wirtschaftlich ungefähr:
20.000 × 5 € = 100.000 € Nominalwert
Wenn dein Broker für diese Position eine Margin von einigen Tausend Euro verlangt, hast du deshalb nicht „für 4.000 Euro DAX gekauft“. Du kontrollierst einen sechsstelligen Nominalwert mit einer Sicherheitsleistung.
Das Verhältnis zwischen Nominalwert und Margin erzeugt die enorme Kapitaleffizienz – und den impliziten Hebel.
Tick Size und Tick Value: Die zwei Zahlen, die du vor jedem Trade kennen musst
Die Tick Size ist die kleinste erlaubte Preisänderung eines Kontrakts. Der Tick Value ist der Geldbetrag, den diese kleinste Preisänderung pro Kontrakt bewirkt.
Die CME erklärt das Prinzip an Rohölfutures: Bewegt sich ein Kontrakt um 40 Ticks und ist jeder Tick 10 Dollar wert, beträgt Gewinn oder Verlust 400 Dollar pro Kontrakt.
Die allgemeine Formel lautet:
Gewinn/Verlust = Anzahl Ticks × Tick Value × Anzahl Kontrakte
Beispiel: Ein Future hat einen Tick Value von 5 Euro. Du bist mit drei Kontrakten long. Der Markt fällt 18 Ticks.
18 × 5 € × 3 = 270 € Verlust
Diese Rechnung ist banal. Trotzdem ist sie die wichtigste Rechnung vor dem Entry.
Ein Trader, der seinen Stop in „Punkten“ sieht, aber den Tick Value nicht kennt, kennt sein Risiko nicht.
Punkt ist nicht gleich Punkt
Gerade bei Indexfutures entstehen Missverständnisse, weil Trader von „20 Punkten Stop“ sprechen. Doch ein Punkt hat nicht in jedem Kontrakt denselben Geldwert.
Beim regulären DAX-Future, Mini-DAX und Micro-DAX unterscheiden sich die Multiplikatoren. Dadurch kann derselbe Chartstop von beispielsweise 30 Punkten völlig unterschiedliche Euro-Risiken erzeugen.
Das ist einer der Gründe, warum kleinere Kontrakte für kleinere Konten sinnvoller sein können. Nicht weil der Markt weniger gefährlich wäre, sondern weil sich die Positionsgröße feiner dosieren lässt.
Genau dieselbe Logik gilt für US-Indizes mit E-mini- und Micro-Kontrakten.
Margin: Sicherheitsleistung statt Anzahlung
Margin wird häufig mit einer Anzahlung verwechselt. Das ist konzeptionell falsch.
Wenn du für einen Future 5.000 Euro Margin hinterlegst und der Nominalwert 100.000 Euro beträgt, „finanziert“ dir die Börse nicht einfach 95.000 Euro wie bei einem klassischen Kreditkauf. Die Margin dient dem Clearing als Puffer gegen mögliche Verluste.
Wie hoch sie ausfällt, hängt vom Produkt, der Volatilität, dem Broker, dem Clearingmodell und teilweise von Intraday- oder Overnight-Regeln ab. Marginanforderungen können sich ändern.
Die CME beschreibt Futures als kapitaleffizient, weil Händler mit relativ geringem Kapitaleinsatz einen größeren Nominalwert kontrollieren. Diese Effizienz darf aber nicht mit geringem Risiko verwechselt werden.
Initial Margin, Maintenance Margin und Broker-Margin
In der Praxis begegnen dir mehrere Marginbegriffe.
- Initial Margin: Sicherheitsleistung, die zur Eröffnung beziehungsweise zum Halten einer Position verlangt wird.
- Maintenance Margin: Mindestniveau, unter das dein Sicherheitenkonto nicht dauerhaft fallen darf.
- Intraday Margin: von manchen Brokern während bestimmter Handelszeiten reduzierte Anforderung.
- Overnight Margin: häufig höhere Anforderung für Positionen, die über Handelsschluss oder definierte Risikozeiten gehalten werden.
Die gefährlichste Zahl ist oft die niedrigste Intraday-Margin, weil sie den maximal möglichen Hebel zeigt, nicht den vernünftigen.
Wenn ein Broker einen Micro-Future mit 100 Euro Intraday-Margin handeln lässt, bedeutet das nicht, dass 100 Euro ein sinnvolles Risikobudget für den Kontrakt sind.
Variation Margin: Gewinne und Verluste werden laufend real
Futures arbeiten mit täglicher beziehungsweise laufender Mark-to-Market-Verrechnung. Gewinne und Verluste werden dem Margin-Konto gutgeschrieben oder belastet.
Das ist ökonomisch wichtig. Eine Verlustposition darf nicht einfach bis zur Fälligkeit „aussitzen“, während keinerlei Sicherheiten nachgeschossen werden. Das Clearing verlangt ausreichende Deckung.
Wenn Verluste das verfügbare Kapital zu weit reduzieren, kann zusätzliche Margin erforderlich werden oder der Broker Positionen liquidieren.
Unser englischer Grundlagenartikel zum Margin Call und zur Zwangsliquidation erklärt diesen Mechanismus ausführlich. Beim Futures-Handel ist er keine theoretische Randnotiz, sondern Teil der täglichen Infrastruktur.
Ein vollständiges Risikobeispiel
Du handelst einen Future mit Tick Value 5 Euro. Dein technischer Stop liegt 24 Ticks vom Einstieg entfernt.
Risiko pro Kontrakt:
24 × 5 € = 120 €
Dein Konto hat 15.000 Euro. Du willst maximal 0,8 Prozent pro Trade riskieren.
15.000 × 0,008 = 120 €
Ein Kontrakt passt exakt in dein Risikobudget. Zwei Kontrakte würden bereits 240 Euro und damit 1,6 Prozent des Kontos riskieren.
Das ist die richtige Reihenfolge: Erst der charttechnisch oder strategisch sinnvolle Stop, dann Tick Value, dann Positionsgröße. Nicht zuerst entscheiden, wie viele Kontrakte man „handeln möchte“, und anschließend den Stop so lange verschieben, bis das Risiko optisch passt.
Warum niedrige Margin zu Overtrading verführt
Angenommen, dein Broker verlangt nur 500 Euro Intraday-Margin pro Kontrakt. Auf einem 10.000-Euro-Konto könntest du technisch 20 Kontrakte eröffnen.
Wenn jeder Tick 5 Euro wert ist, bewegt ein einziger Tick die Position aber um:
20 × 5 € = 100 €
Eine Bewegung von 10 Ticks gegen dich entspricht 1.000 Euro oder 10 Prozent des Kontos.
Die Broker-Margin sagt also, was technisch erlaubt ist. Sie sagt nicht, was risikotechnisch sinnvoll ist.
Orderbuch und Liquidität: Warum Futures für Orderflow so interessant sind
Viele große Futuresmärkte sind zentralisierte Börsenmärkte mit sichtbarem Orderbuch. Das ist für Trader interessant, weil Volumen und aggressiv ausgeführte Orders an einem zentralen Handelsplatz beobachtbar sind.
Wenn du verstehen willst, wie Bid, Ask, Spread, Market Orders und Iceberg Orders zusammenspielen, lies unseren deutschen Leitfaden zum Orderbuch lesen.
Für noch tiefere Orderflow-Analyse haben wir außerdem den ausführlichen Artikel über Footprint Charts, Delta und Absorption. Futures sind für solche Analysen besonders beliebt, weil der zentrale Börsenfeed einen konsistenteren Blick auf tatsächlich ausgeführtes Volumen bietet als stark fragmentierte Märkte.
Fälligkeit und Rollen: Warum ein Future nicht einfach ewig gehalten wird
Futures haben definierte Laufzeiten. Wer eine längerfristige Position behalten will, muss sie häufig vor Fälligkeit in einen späteren Kontrakt „rollen“.
Das bedeutet vereinfacht: den auslaufenden Future schließen und einen später fälligen Future eröffnen.
Die beiden Kontrakte müssen nicht denselben Preis haben. Genau daraus entstehen Begriffe wie Contango und Backwardation.
Contango und Backwardation
Contango beschreibt vereinfacht eine Terminstruktur, in der spätere Futures höher notieren als nähere beziehungsweise der Kassapreis. Backwardation beschreibt die umgekehrte Struktur.
Die Ursachen hängen vom Basiswert ab. Bei Rohstoffen spielen Lagerkosten, Finanzierung, Verfügbarkeit und Convenience Yield eine Rolle. Bei Finanzfutures sind Zinsen und Ausschüttungen wichtige Komponenten.
Für kurzfristige Daytrader ist die Terminstruktur oft weniger zentral als für längerfristige Futuresstrategien. Aber spätestens beim Rollen wird sie wirtschaftlich relevant.
Warum der Future vom Kassamarkt abweichen kann
Ein Indexfuture muss nicht exakt auf dem aktuellen Indexstand handeln. Bis zur Fälligkeit können Finanzierungskosten und erwartete Dividenden zu einer Basis zwischen Future und Kassamarkt führen.
Mit näher rückender Fälligkeit konvergieren Future und Kassapreis typischerweise.
Wer also einen Futures-Chart mit dem Cash-Index vergleicht, darf kleine Abweichungen nicht automatisch als Fehlbewertung betrachten.
Stop Orders in Futures: hilfreich, aber nicht garantiert
Futuresmärkte können schnell sein. Besonders bei Konjunkturdaten, Zentralbankentscheidungen oder überraschenden Nachrichten kann ein Preis über mehrere Ticks springen.
Eine Stop-Market-Order wird beim Auslösen zur Market Order und kann deshalb schlechter ausgeführt werden als der Stoppreis. Eine Stop-Limit-Order kontrolliert den Mindest- beziehungsweise Höchstpreis besser, kann aber ungefüllt bleiben.
Unser Leitfaden zu Stop-Loss, Stop-Limit und Slippage erklärt diese Unterschiede im Detail.
Die häufigsten Anfängerfehler bei Futures
1. Margin mit Risiko verwechseln
Ein Kontrakt, der 1.000 Euro Margin benötigt, kann mehrere Tausend Euro verlieren. Die Margin ist eine Sicherheitsanforderung, kein maximaler Verlust.
2. Tick Value nicht kennen
Wer den Geldwert eines Ticks nicht vor Entry kennt, handelt blind.
3. Zu große Kontrakte wählen
Wenn der technisch sinnvolle Stop 300 Euro Risiko erzeugt, dein Kontorisiko aber nur 100 Euro erlaubt, ist der Kontrakt zu groß. Der Stop ist nicht das Problem.
4. Intraday-Margin ausreizen
Die maximale Brokerkapazität ist keine Positionsgrößenempfehlung.
5. Fälligkeit ignorieren
Je nach Produkt können Lieferung, Barausgleich oder besondere Rollregeln relevant werden.
Wie ich einen Futures-Trade vor dem Einstieg prüfen würde
- Welchen exakten Kontrakt handle ich?
- Wie groß ist der Multiplikator beziehungsweise Kontraktwert?
- Wie groß sind Tick Size und Tick Value?
- Wo liegt mein fachlich sinnvoller Stop?
- Wie viele Ticks sind das?
- Wie viel Euro oder Dollar riskiere ich pro Kontrakt?
- Wie viele Kontrakte erlaubt mein Kontorisiko?
- Wann läuft der Kontrakt aus?
- Welche Margin verlangt Clearing/Broker intraday und overnight?
- Stehen Ereignisse bevor, die Liquidität oder Volatilität stark verändern können?
Wenn eine dieser Fragen unbeantwortet bleibt, ist der Trade nicht vollständig vorbereitet.
Futures und Market Profile: Der Markt als Auktion
Futures sind nicht nur Hebelinstrumente. Sie sind auch ein hervorragender Ort, um Marktstruktur zu studieren.
Market Profile betrachtet, wo Preis und Zeit Akzeptanz gefunden haben. Volume Profile betrachtet, wo tatsächlich Volumen umgesetzt wurde. Unser Artikel über Market Profile, Value Area und Point of Control zeigt, warum Märkte oft eher wie Auktionen als wie einfache Liniencharts verstanden werden können.
Für Daytrader ist diese Perspektive wichtig: Der Future ist nicht nur ein Produkt, das „hoch oder runter“ geht. Er ist ein laufender Auktionsprozess zwischen aggressiven und passiven Marktteilnehmern.
Opening Range, Volatilität und Tagesstruktur
Ein Kontrakt kann über Nacht ruhig handeln und zum Kassamarktstart plötzlich massiv beschleunigen. Deshalb ist die gleiche Stopdistanz nicht zu jeder Tageszeit gleich sinnvoll.
Unser Artikel zur Opening Range Breakout Strategy erklärt, warum die erste Handelsphase besondere Informationsdichte besitzt. Bei Futures ist es sinnvoll, Positionsgröße nicht nur an einem fixen Stop, sondern auch an der aktuellen Volatilitätsstruktur auszurichten.
FAQ: Futures verständlich beantwortet
Kann ich mit Futures mehr verlieren als meine Margin?
Ja. Die Margin ist keine Verlustobergrenze. Starke Bewegungen können Verluste erzeugen, die die hinterlegte Margin übersteigen. Broker und Clearingstellen können zusätzliche Sicherheiten fordern oder Positionen liquidieren.
Was ist der Unterschied zwischen Future und CFD?
Ein Future ist ein standardisierter börsengehandelter Terminkontrakt. Ein CFD ist typischerweise ein außerbörslicher Vertrag mit einem Broker. Preisbildung, Gegenparteistruktur, Laufzeit und Markttransparenz unterscheiden sich.
Warum gibt es Micro- und Mini-Futures?
Kleinere Multiplikatoren ermöglichen feinere Positionsgrößen. Dadurch können Trader dasselbe Marktsetup mit geringerem Geldrisiko abbilden.
Was bedeutet rollen?
Eine Position im auslaufenden Kontrakt wird geschlossen und in einem später fälligen Kontrakt neu eröffnet.
Ist die Margin gleich dem Hebel?
Nein. Aus dem Verhältnis von Nominalwert zu gebundenem Kapital ergibt sich zwar ein impliziter Hebel, aber Margin und tatsächliches Risiko sind unterschiedliche Größen.
Fazit: Futures sind einfach konstruiert – und gerade deshalb gnadenlos
Ein Future hat keine geheimnisvolle Optionsformel. Du brauchst keinen Zeitwert, kein Vega und kein komplexes Emittentenmodell. Der Vertrag ist standardisiert, die Tickgröße bekannt, der Multiplikator öffentlich.
Diese Einfachheit verleitet allerdings zu einem gefährlichen Fehler: Man unterschätzt das Positionsvolumen.
Ein Klick kontrolliert möglicherweise 50.000, 100.000 oder mehr Euro Nominalwert. Ein paar Ticks werden durch den Multiplikator zu echtem Geld. Mehrere Kontrakte multiplizieren diesen Effekt erneut.
Deshalb besteht professionelles Futures-Trading weniger darin, möglichst viel Margin auszunutzen, sondern möglichst wenig Überraschung übrigzulassen.
Vor dem Entry solltest du nicht nur wissen, wo dein Stop liegt. Du solltest seinen Geldwert kennen. Du solltest wissen, welchen Nominalwert du kontrollierst. Du solltest wissen, wie viel Margin benötigt wird und wie viel Kapital du unabhängig davon tatsächlich riskieren willst.
Der wichtigste Satz dieses Artikels ist deshalb sehr schlicht:
Handle niemals einen Future, dessen Tick Value du nicht aus dem Kopf in dein Kontorisiko übersetzen kannst.
Quellen
- Eurex: Mini-DAX-Futures – Kontraktwert und Marktstruktur
- Eurex: Kontraktspezifikationen Futures und Optionen
- CME Group: Gewinn und Verlust aus Futures-Kontrakten berechnen
- CME Group: Margin und Kapitaleffizienz bei Futures
Dieser Artikel dient ausschließlich der Information und Bildung und stellt keine Anlageberatung dar.
Mini, Micro oder Standard: Warum die Kontraktwahl Teil des Risikomanagements ist
Viele Trader behandeln die Wahl zwischen Standard-, Mini- und Micro-Kontrakt wie eine Frage des Komforts. In Wahrheit ist sie ein Teil des Risikomodells.
Nehmen wir an, ein Setup verlangt aufgrund der aktuellen Volatilität einen Stop, der im großen Kontrakt 600 Euro Risiko erzeugt. Dein zulässiges Risiko pro Trade beträgt aber nur 150 Euro. Dann gibt es drei Möglichkeiten: den Trade auslassen, einen kleineren Kontrakt wählen oder den Stop fachlich unsinnig enger setzen.
Die dritte Variante ist die schlechteste. Ein sinnvoller Stop sollte dort liegen, wo die Handelsidee invalidiert ist – nicht dort, wo das Konto zufällig den großen Kontrakt noch erträgt.
Micro-Kontrakte lösen dieses Problem häufig elegant. Sie erlauben kleinere Geldschritte, ohne dass die zugrunde liegende Marktidee verändert werden muss. Wer später skalieren möchte, kann die Anzahl kleiner Kontrakte erhöhen, statt sofort in einen viel größeren Multiplikator zu springen.
Daytrading-Beispiel: Warum der gleiche Trade morgens und mittags anders aussieht
Stell dir einen Indexfuture vor, dessen Tick 5 Euro wert ist. Kurz nach Handelsstart schwankt der Markt im Durchschnitt 20 bis 30 Ticks innerhalb weniger Minuten. Dein Setup benötigt deshalb einen Stop von 18 Ticks. Risiko pro Kontrakt: 90 Euro.
Zwei Stunden später ist die Volatilität deutlich geringer. Ein strukturell ähnliches Setup braucht nur 9 Ticks Stop. Risiko pro Kontrakt: 45 Euro.
Wenn dein Risikobudget 90 Euro beträgt, könntest du theoretisch morgens einen und mittags zwei Kontrakte handeln. Aber auch hier darf die Rechnung nicht mechanisch werden. Liquidität, Spread, Nachrichtenlage und Ausführungsqualität können sich verändern. Die Positionsgröße ist das Ergebnis mehrerer Marktbedingungen, nicht nur einer statischen Formel.
Professionelles Risikomanagement bedeutet deshalb nicht, immer dieselbe Kontraktzahl zu handeln. Es bedeutet, bei unterschiedlichen Marktbedingungen dieselbe ökonomische Risikodisziplin beizubehalten.
Was beim Rollen wirtschaftlich wirklich passiert
Angenommen, der auslaufende Future notiert bei 100, der nächste Kontrakt bei 101. Du verkaufst den alten bei 100 und kaufst den neuen bei 101. Auf dem Chart sieht es aus, als hättest du einen Euro „teurer zurückgekauft“. Doch dieser Preisunterschied ist Teil der Terminstruktur und nicht automatisch ein unmittelbarer Verlust von einem Euro je Einheit.
Entscheidend ist, wie sich der neue Kontrakt ab deinem Einstieg entwickelt und welche ökonomischen Faktoren die Basis zwischen den Laufzeiten bestimmen.
Bei längerfristigen Strategien können wiederholte Rollvorgänge allerdings Rendite beeinflussen. Besonders bei Rohstoffen kann dauerhaftes Contango dazu führen, dass ein Anleger regelmäßig in teurere spätere Kontrakte rollt. Backwardation kann den gegenteiligen Effekt haben.
Für einen Intraday-Trader ist das selten der dominante Faktor. Für Swing- und Positionsstrategien sollte die Terminstruktur aber genauso selbstverständlich geprüft werden wie Chart und Volatilität.
Nachrichtenrisiko: Wenn 20 Ticks nicht mehr 20 normale Ticks sind
Vor einem normalen Marktimpuls kann ein 20-Tick-Stop eine vernünftige Distanz sein. Während einer Zinsentscheidung, eines Inflationsberichts oder eines überraschenden geopolitischen Ereignisses können dieselben 20 Ticks in Sekundenbruchteilen übersprungen werden.
Das macht den mathematisch berechneten Stop nicht falsch, aber die Annahme über Ausführung kann falsch sein. Ein Stop-Market-Auftrag garantiert grundsätzlich nicht den Stoppreis. In sehr schnellen Märkten kann Slippage das tatsächliche Risiko erhöhen.
Deshalb sollte die Positionsgröße vor bekannten Ereignissen nicht einfach mit denselben historischen Schwankungen berechnet werden wie an einem ruhigen Vormittag. Event-Risiko ist ein eigener Input.
Ein kleines Futures-Playbook vor jedem Trade
Wer Futures aktiv handelt, kann viele Fehler vermeiden, indem vor jedem Einstieg dieselbe kurze Routine durchlaufen wird:
- Kontraktsymbol und Fälligkeit kontrollieren.
- Tick Size und Tick Value prüfen.
- Aktuelle Tagesvolatilität beobachten.
- Technischen Invalidationspunkt festlegen.
- Stopdistanz in Ticks umrechnen.
- Euro- oder Dollar-Risiko pro Kontrakt berechnen.
- Kontraktzahl aus dem Kontorisiko ableiten.
- Prüfen, ob wichtige Daten oder Zentralbanktermine bevorstehen.
- Entscheiden, ob die Position intraday geschlossen oder über Nacht gehalten werden könnte.
Diese Liste wirkt unspektakulär. Genau das ist ihr Vorteil. Gute Futures-Trades brauchen keine kreative Buchhaltung. Sie brauchen klare Einheiten.
Der Unterschied zwischen einem guten Markt und einem guten Trade
Futuresmärkte können liquide, transparent und hervorragend strukturiert sein – und trotzdem kann ein konkreter Trade schlecht sein.
Ein enger Spread macht einen schlechten Einstieg nicht gut. Ein tiefes Orderbuch ersetzt keine klare Invalidierung. Ein hoher Nominalwert erzeugt keine höhere Wahrscheinlichkeit. Und eine niedrige Margin verbessert kein Setup.
Der Future ist lediglich das Transportmittel. Die Qualität des Trades entsteht aus Marktidee, Timing, Ausführung und Risikokontrolle.
Gerade weil Futures so effizient sind, sollte man sie nicht mit maximaler Kapazität handeln. Die eigentliche Kunst besteht darin, diese Effizienz kontrolliert zu dosieren.


