LPKF kann mit einem Laser Wege in Glas schreiben, die das menschliche Auge kaum erkennt. An der Börse ist die Spur gröber: erst Euphorie, dann Zweifel, dann ein Kurssturz, der eine Milliardenhoffnung wieder auf die Größe einer deutschen Small-Cap-Bilanz zurückschneidet.
Die Börse besitzt wenig Geduld mit Unternehmen, deren Zukunft in Produktionshallen beginnt, die noch nicht gebaut wurden. Sie wartet eine Weile. Sie hört Präsentationen zu. Sie zeichnet steigende Kurven in ihre Modelle. Und irgendwann stellt sie eine einfache Frage: Wo ist der Auftrag?
Bei LPKF Laser & Electronics ist diese Frage seit Jahren der Kern der gesamten Investmentgeschichte. Das Unternehmen aus Garbsen verfügt mit LIDE über eine Technologie, die Glas für die nächste Generation der Halbleiterfertigung präzise und ohne die bei konventionellen Verfahren gefürchteten Mikrorisse strukturieren kann.
Die möglichen Anwendungen reichen von Through-Glass Vias über glasbasierte Chipträger bis zu Co-Packaged Optics. Auf dem Papier klingt das nach einer Eintrittskarte in das Zeitalter der künstlichen Intelligenz. In der Gewinn-und-Verlust-Rechnung klingt es bislang eher nach einem Unternehmen, das diese Eintrittskarte druckt, während die Türen zur Veranstaltung noch geschlossen sind.
Nach dem jüngsten Kurssturz möchte ich die Aktie deshalb neu bewerten. Nicht danach, wie schön die Technologie klingt. Nicht danach, wie weit die Aktie irgendwann steigen könnte. Sondern danach, was heute vorhanden ist, wie lange die vorhandene Finanzierung trägt und welchen Preis die Börse inzwischen für die Möglichkeit eines industriellen Durchbruchs verlangt.
Der Absturz war kein gewöhnlicher schlechter Tag
Am 22. Juli schloss die LPKF-Aktie noch bei 16,90 Euro. Einen Tag später beendete sie den Xetra-Handel bei 13,45 Euro. Der Verlust betrug 20,41 Prozent. [2]
Am Vormittag des 24. Juli erholte sich der Kurs zeitweise wieder in den Bereich von 14,22 Euro. Für die folgenden Bewertungsrechnungen verwende ich dennoch den feststehenden Schlusskurs von 13,45 Euro. Ein Schlusskurs ist eine belastbare historische Marke. Ein Intradaykurs ist nur ein Zustand zwischen zwei Atemzügen.
Vom 52-Wochen-Hoch bei 30,80 Euro hatte die Aktie damit zeitweise mehr als die Hälfte ihres Wertes verloren. Das klingt nach einem zerstörten Investment. Es ist jedoch nur die halbe Wahrheit.
Ende 2025 kostete die Aktie lediglich 5,59 Euro. Selbst nach dem Einbruch notiert sie noch deutlich über diesem Niveau. Wer nur auf die vergangenen Tage blickt, sieht einen Crash. Wer das gesamte Jahr betrachtet, sieht eine zuvor außergewöhnlich weit vorgelaufene Spekulation, die einen Teil ihrer Übertreibung wieder abgibt. [3]
Vom stillen Small Cap zur KI-Hoffnung – und zurück
Ausgewählte Kursmarken der LPKF-Aktie in Euro. Fahre mit der Maus über einen Balken oder tippe ihn an, um weitere Informationen zu sehen.
Die Werte zeigen ausgewählte Kursmarken und keine lückenlose Kursentwicklung. Der Wert vom 24. Juli ist eine Momentaufnahme während des laufenden Handels.
Was die Halbjahreszahlen wirklich sagen
Der Umsatz sank in den ersten sechs Monaten des Jahres von 59,2 auf 36,5 Millionen Euro. Das entspricht einem Rückgang von 38,3 Prozent. Im zweiten Quartal allein fiel der Umsatz von 33,8 auf 19,3 Millionen Euro. [1]
Das bereinigte EBIT verschlechterte sich von minus 0,7 auf minus 10,4 Millionen Euro. Einschließlich Restrukturierungs-, Abfindungs- und aktienkursbezogener Effekte belief sich das ausgewiesene EBIT sogar auf minus 14,1 Millionen Euro.
Für ein Unternehmen mit weniger als 40 Millionen Euro Halbjahresumsatz ist das kein Kratzer im Lack. Es ist eine tiefe operative Wunde.
Dennoch enthält der Bericht eine Zahl, die nicht zu einem Unternehmen im freien Fall passt: Der Auftragseingang erhöhte sich leicht von 43,0 auf 44,0 Millionen Euro. Der Auftragsbestand lag mit 34,7 Millionen Euro nahezu auf dem Vorjahresniveau.
LPKF verliert damit nicht überall Nachfrage. Das Unternehmen verliert vor allem Umsatz in einzelnen Segmenten und zu einem Zeitpunkt, an dem Kundeninvestitionen verschoben werden. Das ist ein Unterschied. Allerdings ist es ein Unterschied, der nur dann hilft, wenn aus den vorhandenen Bestellungen zeitnah Auslieferungen, Rechnungen und schließlich Zahlungsmittel werden.
Umsatz bricht ein, Auftragseingang hält sich
Vergleich des ersten Halbjahres 2025 mit dem ersten Halbjahr 2026. Angaben in Millionen Euro. Negative Werte reichen unter die Nulllinie.
Der stabile Auftragseingang ist positiv. Er kompensiert kurzfristig jedoch weder den starken Umsatzrückgang noch den negativen freien Cashflow.
Die unangenehme Wahrheit: Ein stabiler Auftragseingang macht einen Umsatzrückgang von 38 Prozent nicht harmlos. Er zeigt lediglich, dass das industrielle Fundament nicht im gleichen Tempo zerfällt wie die aktuelle Ergebnisrechnung.
Das Solargeschäft ist zur plötzlich leeren Halle geworden
Der größte Teil des Einbruchs stammt aus dem Segment Solar. Der Halbjahresumsatz fiel dort von 22,2 auf nur noch 4,4 Millionen Euro. Ein Geschäft, das im Vorjahr noch mehr als ein Drittel des Konzernumsatzes geliefert hatte, schrumpfte innerhalb eines Jahres auf ein Fünftel seiner früheren Größe.
LPKF erklärt die Schwäche mit einer Investitionspause vor dem erwarteten Technologiewechsel zu Perowskit-Solarzellen. Kunden zögern, heute Maschinen für eine Produktionswelt zu bestellen, die sich morgen verändern könnte.
Das ist industriell nachvollziehbar. Für Aktionäre bleibt es dennoch schmerzhaft. Eine verschobene Bestellung bezahlt keine Gehälter. Eine kommende Technologie finanziert keinen heutigen Cashflow.
Auch Welding schwächelte. Der Halbjahresumsatz sank von 13,1 auf 8,2 Millionen Euro. Stabiler entwickelten sich Development und Electronics. Electronics erhöhte den Umsatz leicht von 12,2 auf 12,8 Millionen Euro, während Development mit 11,1 Millionen Euro nur moderat unter dem Vorjahreswert lag.
Wo der Umsatz verschwunden ist
Halbjahresumsatz der vier Geschäftssegmente in Millionen Euro. Besonders deutlich ist der Einbruch bei Solar.
Electronics konnte leicht wachsen. Die Rückgänge in Solar und Welding waren jedoch zu groß, um vom übrigen Geschäft aufgefangen zu werden.
Die Bilanz ist stärker als der Gewinn – aber schwächer als die Geschichte
Ende Juni verfügte LPKF über liquide Mittel von rund 4,0 Millionen Euro. Ende 2025 waren es noch etwa 10,0 Millionen Euro. Unter Einbeziehung kurzfristiger Bankverbindlichkeiten wies das Unternehmen eine Nettofinanzposition von minus 5,7 Millionen Euro aus.
Der operative Cashflow lag im ersten Halbjahr bei minus 9,0 Millionen Euro. Nach Investitionen ergab sich ein freier Cashflow von minus 11,5 Millionen Euro.
Ich halte diese Zahlen für den wichtigsten Teil der gesamten Analyse. LIDE entscheidet möglicherweise darüber, wie groß LPKF in fünf Jahren sein kann. Der Cashflow entscheidet darüber, welcher Anteil dieser Zukunft den heutigen Aktionären bis dahin noch gehört.
Die Eigenkapitalquote von 62,8 Prozent wirkt komfortabel. Sie darf jedoch nicht mit hoher Liquidität verwechselt werden. Ein Unternehmen kann bilanziell solide und zugleich kurzfristig auf Kreditlinien angewiesen sein.
LPKF verfügte zum Halbjahresende über eine nutzbare Barkreditlinie von bis zu 12,5 Millionen Euro. Die Finanzierung ist damit nicht unmittelbar abgeschnitten. Sie ist aber auch nicht unendlich.
Die Bilanz in acht Zahlen
Gerade bei Small Caps entscheidet sich der Unterschied zwischen einer günstigen Aktie und einer späteren Verwässerung häufig nicht in der Präsentation des Zukunftsmarktes. Er entscheidet sich in der Kapitalflussrechnung, in Kreditbedingungen, in der Entwicklung der Aktienzahl und in jenen Fußnoten, die selten auf der ersten Folie einer Investorenpräsentation stehen.
Wie Anleger Cashburn, möglichen Finanzierungsbedarf, Verwässerung, Katalysatoren und versteckte Risiken systematisch prüfen können, wird in How to Value Penny Stocks ausführlicher beschrieben. Der Analyseprozess gilt nicht nur für amerikanische Microcaps: Auch bei einem deutschen Small Cap wie LPKF sollte die Prüfung mit den Primärdokumenten und nicht mit der Zukunftserzählung beginnen.
Droht eine Kapitalerhöhung?
Eine Kapitalerhöhung ist nicht angekündigt. Es wäre deshalb falsch, sie als feststehendes Ereignis darzustellen. Ebenso falsch wäre es, das Risiko vollständig auszublenden.
LPKF besitzt noch Kreditspielraum, eine hohe Eigenkapitalquote und einen nahezu stabilen Auftragsbestand. Gleichzeitig verbrauchte das Unternehmen im ersten Halbjahr 11,5 Millionen Euro freien Cashflow und erwartet für das Gesamtjahr eine bereinigte EBIT-Marge zwischen minus 3,0 und plus 4,5 Prozent. [1]
Hinzu kommen außergewöhnlich hohe Restrukturierungskosten von voraussichtlich drei bis vier Prozent des Jahresumsatzes. Bei der unteren Umsatzprognose von 105 Millionen Euro entspräche das grob weiteren drei bis vier Millionen Euro.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob LPKF heute zahlungsunfähig ist. Das Unternehmen ist es nicht. Die Frage lautet, wie viele weitere schwache Halbjahre die heutige Kapitalstruktur aushalten kann, falls sich große LIDE-Produktionsaufträge erneut verschieben.
Meine Einordnung: Eine kurzfristige Kapitalmaßnahme ist nicht zwangsläufig. Bleiben Cashflow und operatives Ergebnis jedoch bis weit in das Jahr 2027 negativ, steigt die Wahrscheinlichkeit einer Finanzierung, die für bestehende Aktionäre teuer werden könnte.
LIDE: Warum Glas plötzlich für KI wichtig wird
Herkömmliches Glas ist zugleich stabil und empfindlich. Es widersteht Hitze, Chemikalien und elektrischen Strömen. Wird es jedoch mechanisch oder thermisch bearbeitet, können kleine Risse entstehen, die später das gesamte Bauteil unbrauchbar machen.
LIDE löst dieses Problem in zwei Schritten. Zunächst verändert ein ultrakurzer Laserpuls das Glas nur an den vorgesehenen Stellen, ohne das Material großflächig zu erhitzen. Anschließend entfernt ein chemischer Prozess gezielt die veränderten Bereiche. Zurück bleiben präzise Öffnungen, Kanäle und Mikrostrukturen. [4]
Für Advanced Packaging ist das bedeutsam. Moderne Hochleistungschips bestehen längst nicht mehr nur aus einem einzelnen Siliziumstück. Mehrere Chiplets, Speicherbausteine und optische Komponenten müssen auf engem Raum miteinander verbunden werden.
Glas kann dabei als stabiler Träger dienen. Through-Glass Vias bilden winzige vertikale Verbindungen durch das Substrat. Sie transportieren elektrische Signale zwischen verschiedenen Ebenen eines komplexen Chipgehäuses.
LPKF verkauft damit keine KI-Chips. Das Unternehmen verkauft einen möglichen Fertigungsschritt für die Verpackung jener Chips, auf denen künstliche Intelligenz ausgeführt wird.
Das klingt weniger spektakulär. Wirtschaftlich kann es spektakulärer sein. In technologischen Goldräuschen verdienen nicht immer nur die Minenbesitzer. Manchmal verdient der Hersteller des einzigen Werkzeugs, das an einer besonders schwierigen Stelle gebraucht wird.
Der Markt ist größer geworden – der Beweis noch nicht
LPKF hat den adressierbaren Markt für seine Prozesslösungen im Advanced Packaging bis 2030 von zuvor rund 500 Millionen Euro auf 1,7 Milliarden Euro angehoben. [1]
Der Grund liegt im KI-getriebenen Ausbau von Hochleistungsrechnern, einer größeren Zahl benötigter Waferstarts und zusätzlichen Prozessschritten, die LPKF inzwischen adressieren möchte.
Das Unternehmen bietet nicht mehr nur die eigentliche Glasstrukturierung an. Hinzu kommen Lösungen zum Trennen glasbasierter Packages, zum laserbasierten Verbinden mehrschichtiger Glasstapel und zur Integration optischer Verbindungen.
Im zweiten Quartal erhielt LPKF einen Auftrag eines führenden Spezialglasherstellers. Dieser möchte sich mit der Technologie für künftige Lieferketten im Advanced Packaging qualifizieren. Auch die Pennsylvania State University bestellte ein LIDE-System für Forschungs- und Demonstrationszwecke.
Das sind Fortschritte. Sie sind aber noch nicht der Durchbruch.
Selbst das Management formuliert die entscheidende Schwelle offen: Strategisch relevante Produktionsaufträge müssen den industriellen Nachweis liefern. Ein Forschungsauftrag beweist, dass eine Technologie interessant ist. Ein Produktionsauftrag beweist, dass ein Kunde bereit ist, mit ihr sein eigenes Geschäft zu riskieren.
Die Bewertung nach dem Absturz
Bei einem Schlusskurs von 13,45 Euro und rund 24,5 Millionen ausstehenden Aktien ergibt sich eine Marktkapitalisierung von ungefähr 329 Millionen Euro.
Das ist deutlich weniger als die rund 754 Millionen Euro, die das Unternehmen beim 52-Wochen-Hoch rechnerisch wert war. Es ist aber noch immer deutlich mehr als die Marktkapitalisierung von 136,9 Millionen Euro am Ende des Jahres 2025.
Auf Grundlage der bestätigten Umsatzprognose von 105 bis 120 Millionen Euro bewertet die Börse LPKF derzeit mit ungefähr dem 2,7- bis 3,1-Fachen des erwarteten Jahresumsatzes.
Für einen gegenwärtig verlustbringenden Maschinen- und Technologiekonzern ist das keine niedrige Bewertung. Sie wird nur dann vernünftig, wenn LIDE entweder erhebliches Wachstum oder außergewöhnlich hohe Margen liefert.
Das Management strebt bis 2028 eine nachhaltige zweistellige EBIT-Marge an. Die Börse bezahlt also nicht für das, was LPKF heute verdient. Sie bezahlt für eine mögliche wirtschaftliche Form, die das Unternehmen erst noch annehmen muss.
Interaktiver Bewertungsrechner
Bei LPKF ist ein klassisches Kurs-Gewinn-Verhältnis derzeit kaum hilfreich, weil der Gewinn negativ ist. Sinnvoller ist eine Szenarioanalyse: Wie hoch könnten Umsatz und Marge nach einem erfolgreichen LIDE-Hochlauf sein, und welches EBIT-Multiple wäre der Markt dann bereit zu bezahlen?
Was könnte LPKF in einem späteren Erfolgsjahr wert sein?
Verändere Umsatz, EBIT-Marge und Bewertungsmultiple. Das vereinfachte Modell berechnet daraus einen theoretischen Unternehmenswert und einen Wert je Aktie.
Stark vereinfachtes Modell. Es ignoriert zukünftige Nettofinanzschulden oder Nettoliquidität, Steuern, Verwässerung, Restrukturierungskosten, Kapitalerhöhungen und die zeitliche Diskontierung. Das Ergebnis ist kein Kursziel.
Das Basisszenario ist bewusst nicht euphorisch. Bei 200 Millionen Euro Umsatz, zwölf Prozent EBIT-Marge und dem 15-Fachen EBIT ergibt sich ein theoretischer Wert von rund 14,70 Euro je Aktie. Das läge nur moderat über dem verwendeten Referenzkurs.
Erst wenn LPKF einen deutlich größeren Umsatz und Margen nahe 20 Prozent erreicht, entsteht ein außergewöhnliches Kurspotenzial. Genau deshalb ist die Aktie so binär: Der Erfolg von LIDE verändert nicht nur eine einzelne Produktlinie. Er verändert die gesamte ökonomische Struktur des Unternehmens.
Warum ich nach dem Rückgang eher positiv bin
Meine positive Einschätzung beruht nicht darauf, dass die Halbjahreszahlen gut wären. Sie sind schlecht. Der Umsatz ist zu niedrig, der Verlust zu hoch und der Cashflow zu schwach.
Positiv ist für mich vielmehr, dass der Kurs inzwischen einen erheblichen Teil der vorausgegangenen Euphorie abgegeben hat, ohne dass die technologische Investmentthese im gleichen Umfang beschädigt wurde.
Der Auftragseingang ist nicht eingebrochen. Electronics wächst. LIDE wird bei mehreren Halbleiterkunden in Entwicklungs- und Testumgebungen eingesetzt. Ein Spezialglashersteller bereitet sich mit einer LIDE-Anlage auf mögliche künftige Lieferketten vor.
Hinzu kommt die industrielle Skalierbarkeit. Falls Produktionsaufträge eintreffen, müsste LPKF nicht zunächst selbst eine gigantische Halbleiterfabrik errichten. Das Unternehmen liefert Verfahren und Systeme an jene Konzerne, die über die eigentlichen Produktionskapazitäten verfügen.
Mein positiver Kernpunkt: Der Markt bewertet LPKF nicht mehr wie einen bereits feststehenden Sieger der Glasrevolution. Er bewertet das Unternehmen wieder eher wie einen technologisch starken Kandidaten, der den industriellen Beweis noch erbringen muss.
Ein interessantes Signal aus dem Vorstand
CEO Klaus Fiedler kaufte am 19. Mai 2026 LPKF-Aktien im Wert von 42.000 Euro zu einem Preis von 21 Euro je Aktie. [5]
Beim heutigen Kurs liegt diese Investition deutlich im Minus. Ein Insiderkauf beweist weder, dass die Aktie günstig ist, noch dass ein Produktionsauftrag bevorsteht. Vorstände können sich irren wie jeder andere Anleger.
Dennoch ist es ein Unterschied, ob ein Management ausschließlich über langfristiges Potenzial spricht oder eigenes Kapital zu einem deutlich höheren Kurs eingesetzt hat.
Die Katalysatoren, auf die es jetzt ankommt
- Ein strategisch relevanter LIDE-Produktionsauftrag. Dies wäre der wichtigste Beleg dafür, dass LPKF den Übergang von der Qualifikation in die Serienfertigung schafft.
- Eine deutliche Umsatzbeschleunigung im zweiten Halbjahr. Um die untere Grenze der Jahresprognose zu erreichen, muss LPKF nach 36,5 Millionen Euro im ersten Halbjahr mindestens 68,5 Millionen Euro in der zweiten Jahreshälfte erlösen.
- Eine Normalisierung im Solargeschäft. Schon einzelne größere Anlagenaufträge könnten wegen der niedrigen Vergleichsbasis einen erheblichen Unterschied machen.
- Fortschritte beim North-Star-Programm. Kostensenkungen müssen im Ergebnis sichtbar werden, ohne die technologische Leistungsfähigkeit zu beschädigen.
- Eine Stabilisierung des freien Cashflows. Für Aktionäre wäre ein sinkender Mittelabfluss wertvoller als eine weitere Vergrößerung des theoretischen Zielmarktes.
- Weitere Partner in der Advanced-Packaging-Lieferkette. Jeder qualifizierte Glas-, Substrat- oder Halbleiterhersteller erhöht die Wahrscheinlichkeit einer industriellen Etablierung.
Die Risiken, die der Kurssturz nicht beseitigt hat
- Der industrielle Durchbruch kann sich erneut verschieben. LPKF spricht seit Jahren über das Potenzial von LIDE. Die nächste Stufe muss nun in Form größerer Produktionsaufträge sichtbar werden.
- Die Liquidität ist begrenzt. Vier Millionen Euro liquide Mittel und ein negativer freier Cashflow lassen wenig Raum für mehrere weitere schwache Jahre.
- Verwässerung bleibt ein mögliches Szenario. Eine Kapitalerhöhung ist nicht angekündigt, könnte bei einem verspäteten Hochlauf aber wirtschaftlich sinnvoll oder notwendig werden.
- Der adressierbare Markt ist nicht der Umsatz von LPKF. Ein Markt von 1,7 Milliarden Euro sagt nichts darüber aus, welchen Anteil das Unternehmen tatsächlich gewinnen wird.
- Die Jahresprognose verlangt ein starkes zweites Halbjahr. Der untere Rand der Umsatzprognose setzt nahezu eine Verdopplung des Halbjahresumsatzes voraus.
- Die Aktie ist trotz des Absturzes nicht klassisch billig. Ein Umsatzmultiple nahe drei setzt weiterhin erhebliches Wachstum und deutlich bessere Margen voraus.
- Der hohe Streubesitz verstärkt die Schwankungen. LPKF weist einen Streubesitz von 89,4 Prozent aus. Bei einem emotional gehandelten Small Cap können Kapitalströme den Kurs schneller bewegen als operative Daten. [3]
Was ich in den nächsten Berichten prüfen werde
| Kennzahl oder Ereignis | Warum es wichtig ist | Positives Signal |
|---|---|---|
| LIDE-Produktionsaufträge | Beweis für den Übergang von Qualifikation zu Serienfertigung | Mehrere kommerzielle Systeme |
| Umsatz im zweiten Halbjahr | Test der bestätigten Jahresprognose | Mindestens 68,5 Mio. € |
| Freier Cashflow | Bestimmt den zukünftigen Finanzierungsbedarf | Deutlich geringerer Mittelabfluss |
| Vorräte | Zeigt, ob vorbereitete Systeme tatsächlich ausgeliefert werden | Höherer Umsatz bei sinkenden Beständen |
| Solar-Auftragseingang | Frühindikator für das Ende der Investitionspause | Neue größere Anlagenbestellungen |
| Restrukturierungskosten | Belastung von Liquidität und ausgewiesenem Ergebnis | Kosten bleiben im angekündigten Rahmen |
| Aktienzahl | Macht mögliche Verwässerung früh sichtbar | Keine wesentliche Erhöhung |
| Kreditinanspruchnahme | Zeigt, wie stark der Betrieb fremdfinanziert wird | Stabilisierung oder Rückgang |
Positiv – aber nur für Anleger, die das Warten finanzieren können
Ich denke nach dem Kurssturz eher positiv über die LPKF-Aktie. Nicht, weil die aktuellen Zahlen eine Erholung zeigen. Sie zeigen das Gegenteil. Das erste Halbjahr war operativ schwach, der Cashflow ist negativ und das Erreichen der Jahresprognose verlangt eine erhebliche Beschleunigung.
Positiv bin ich, weil der Kurs nun wieder näher an eine Bewertung gefallen ist, bei der der industrielle Durchbruch nicht vollständig vorweggenommen wird. Der Markt bezahlt noch immer einen Aufschlag für LIDE. Er bezahlt aber nicht mehr so, als wären die großen Produktionsaufträge bereits unterschrieben.
Das Kerngeschäft ist nicht vollständig zusammengebrochen. Der Auftragseingang liegt leicht über dem Vorjahr. Electronics entwickelt sich besser. Das Unternehmen besitzt relevantes geistiges Eigentum, laufende Kundenqualifikationen und eine Technologie, die ein reales Problem der Halbleiterindustrie lösen kann.
Gleichzeitig bleibt LPKF eine spekulative Small-Cap-Investition. Die Bewertung lässt sich nicht mit dem heutigen Gewinn rechtfertigen. Sie lässt sich nur mit einer zukünftigen Ertragskraft rechtfertigen, deren Eintritt und Zeitpunkt unsicher sind.
Bei Kursen um 13 bis 14 Euro sehe ich die Aktie deshalb nicht als klassischen Value-Titel. Ich sehe sie als Option auf einen industriellen Technologiewechsel – allerdings als Option mit einem realen Unternehmen, bestehenden Umsätzen, Patenten, Kundenkontakten und einer noch tragfähigen Bilanz im Hintergrund.
Der nächste große LIDE-Produktionsauftrag könnte die Wahrnehmung des Unternehmens innerhalb eines Tages verändern. Ein weiteres Jahr ohne diesen Auftrag könnte dasselbe in die andere Richtung tun.
Ich halte die Chance nach dem Kurssturz für interessanter als zuvor. Die Positionsgröße sollte jedoch so gewählt werden, dass weder ein weiterer Kursrückgang noch eine mögliche spätere Verwässerung den Anleger zu einer Entscheidung zwingt, bevor die industrielle These überprüfbar geworden ist.
Ein Laser arbeitet mit extremer Präzision. Der Markt tut es selten. Gerade darin könnte nach dem Absturz die Gelegenheit liegen.
LPKF zeigt beispielhaft, warum bei Small Caps Technologie, Auftragskatalysatoren, Cashburn, Finanzierung und mögliche Verwässerung gemeinsam bewertet werden müssen. Der vollständige Analyseprozess wird in How to Value Penny Stocks Schritt für Schritt vertieft.
Quellen
- LPKF: Half-Year Financial Report 2026 , 23. Juli 2026.
- MarketScreener: LPKF-Kursdaten und Marktreaktion , abgerufen am 24. Juli 2026.
- LPKF Investor Relations: Aktie, Aktienzahl, Aktionärsstruktur und historische Kennzahlen , abgerufen am 24. Juli 2026.
- LPKF: Funktionsweise des Laser-Induced-Deep-Etching-Verfahrens , abgerufen am 24. Juli 2026.
- EQS: Aktienkauf durch CEO Klaus Fiedler , 20. Mai 2026.
- LPKF: Bericht zum ersten Quartal 2026 und Jahresausblick , 30. April 2026.
- LPKF: Geschäftsbericht 2025 , 26. März 2026.


